Hallo Sternfreunde,
Am Freitag ging eine recht anstrengende Arbeitswoche zu Ende. Nachdem
Bärbel um halb sieben die Apotheke zugesperrt hatte, sind wir noch in die
Altstadt geradelt, um Pizza essen zu gehen. Auf dem Nachhauseweg be-
schlossen wir dann, den mehr und mehr aufklarenden Abend zu nutzen, und zur
Außenstation St. Ottilia rauszufahren. Gesagt, getan, und so wurde alles
ins Auto verstaut. Da Bärbel am nächsten Tag wieder raus mußte, ist sie
selber mit dem eignen Auto gefahren, um eher wieder heimdüsen zu können.
Folgende Koordinaten meldet mir das Navigationssystem im Auto für die
Außenstation ASAM III St. Ottilia:
48°54'43" N / 12°11'18" E
Genug der Vorrede, denn es sollte ein wahrhaft toller Beobachtungsabend
werden. Hier die Übersicht:
Teleskop:
Dörr Atlas 2000, 130mm-Newton auf äquatorialer Skyview-Montierung mit Polsucher auf Alustativ; Hauptspiegelbrennweite 900mm, macht ein Öffnungsverhältnis von 1:6,9
Okulare:
32mm Plössl von Celestron
26mm-Superplössl von MEADE, Serie 4000 (35-fache Vergrößerung)
14,5mm Erfle
12,5mm Ortho von Vixen
7mm Ortho von Celestron (128-fache vergrößerung)
6,3mm-Kellner von Bresser (143-fache vergrößerung)
5mm Eudiascopic von Baader (180-fache Vergrößerung)
Sonstiges:
2x-Barlowlinse, Celestron ultima, 3-linsiger Achromat mit Luftspalt
Baader Skyglow Filter
Astronomik UHC-Filter
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Zeitpunkt:
Freitag, 2. August 2002, 22:45-01:15
Visuelle Grenzgröße:
ca. 5,5mag
Durchsicht:
gut
Seeing:
-
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Doppelsterne:
-
Galaxien:
-
Kugelsternhaufen:
M4, M22, M55, M75, M30
Offene Sternhaufen:
M6, M7, M18, M21, NGC6530
Planetarische Nebel:
-
Gasnebel:
M17, M20, M8
Sonstiges:
M24
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Als erstes nach der Ankuft und dem Aufstellen des Teleskops, was beim kleinen
5-Zöller in weniger als 5 Minuten vonstatten geht, tue ich einen Blick in die Runde.
Mein Horizont erreicht im vollen Panorama 0° Höhe auf dieser kleinen Anhöhe.
Im Norden Regensburg, weit genug entfernt, um mit seinem Lichtschein nicht
mehr zu irritieren. Genau im Norden, über dem Ostteil der Stadt, flackert Capella
in ihrer unteren Kulmination. Im Zenith eine reich strukturierte, körnig anzusehende
Milchstraße mit dunklen Einbuchtungen ohne Ende. Was ist das? Ach so, Cygnus!
Da oben sind so viele Sterne, daß der Schwan fast im Gewimmel untergeht.
Der Skorpion hat den Meridian schon leicht überschritten, Sagittarius schickt sich
bereits an, seine höchste Stellung einzunehmen. Folglich beginne ich gleich mit
dem westlichsten Objekt des heutigen Abends, nämlich dem Kugelsternhaufen
M4 im Skorpion. Wie immer zeigt sich M4 recht blaß. Zumindest bei 126x ist der
zentrale Sternenbalken erkennbar. Auch bei 36x ist er schon deutlich körnig. Eigen-
artig bei M4 finde ich, daß er zwar im Zehnzöller ein echtes superhelles Prachtstück
ist, im 5- oder gar 4,5-Zöller eher ein schwaches Objekt ist. Da war heut M55 besser!
Normalerweise sind Objekte, die im Zehnzöller derartig hell sind, auch im Fünfer
weit überdurchschnittlich. Nicht so aber besagter M4. Auch das Skyglowfilter bringt
an M4 so gut wie keinen Gewinn.
M6, der Schmetterlingshaufen, ist bei 36x wundervoll als solcher zu erkennen,
die weit gebreiteten Flügel, der Körper. Die Fühler zeigen nach Nordwesten.
M6, 63x, 130mm-Newton, f=900mm, Zeichnung Markus Langlotz
Bei 63x kann ich rund 50 Sterne vor teils nebligem Sternenhintergrund zählen, die Durchsicht ist
wirklich sehr, sehr gut.
Ein ebenfalls phantastischer Sternhaufen ist M7! Die Sterne dieses Clusters sind sehr graphisch
angeordnet, bei 63x zähle ich auf 45' Größe verteilt rund 2 Dutzend Sterne. Bärbel spricht meinen
Gedanken aus: Die Luxusausgabe von M29! Genau das gleiche hab ich mir auch gedacht.
In der Mitte des Haufens ballen sich ein paar schwächere Sterne zusammen. Die Haufenmitglieder
erscheinen uns allesamt als bläuliche Sterne. Von diesem Objekt hat Bärbel die folgende Zeichnung
angefertigt:
M7, 63x, 130mm-Newton, f=900mm, Zeichnung Bärbel Langlotz
Anmerkung: Man beachte den Nachführfehler in Bärbels Zeichnung :-)))
Nun war ein absolutes Paradehighlight angesagt, nämlich der prachtvollste aller von uns aus sichtbaren
Kugelsternhaufen: M22 im Schützen! Schon bei 36x strahlt einem eine überwältigende Anzahl feinster
Sternenfünkchen entgegen, durchsetzt von einigen helleren vorwitzigen Sternen. Welch ein Geglitzer!
Schon bei 63x ist der Haufen bis ins Zentrum auflösbar. Beide erkennen wir unabhängig voneinander
einen Dunkelbereich, der sich in Nordsüdrichtung ins Haufenzentrum erstreckt. Bärbel
ist schier nicht mehr vom Okular zu kriegen! Im 12,5er Ortho flutet uns ein Meer an Einzelsternen entgegen,
gespickt mit Hintergrundwolken und Dunkelbereichen. Wahnsinn. Der größte Dunkelbereich kommt
von Süden her. Diesen Kugelsternhaufen muß man wirklich bei höherer Vergrößerung en Detail studieren.
M22 ist im übrigen das Objekt, das in mir vor zwei Jahren den Entschluß bewirkte, den zehnzölligen äquatorialen
Newton haben zu müssen.
Und weiter ging unser deep-sky-Abenteuer. Unheimlich dumpfes Grunzen unterbrach unsere astronomische
Zweisamkeit. Sollten das...? Dort drunten, in der Senke...? Gleich hinterm Acker...? Wildschweine???
Angestrengtes Lauschen. Zu zweit allein auf weiter Flur im Dunkeln kann bisweilen etwas unheimlich sein.
Das Grunzen wird lauter. Hebt sich deutlicher aus dem Umgebungsrauschen: Gott sei Dank, ein Motorrad,
weit weg, auf der Hauptstrasse. Wir können weiter spechteln!
Mit neuem Mut stürzen wir uns in die Sommermilchstraße: M24 mit seiner immensen Sternenfülle braucht schon
das 32mm-Okular, um einigermaßen erfaßt werden zu können. Verrückt, was da an Sternen los ist. So, nur
noch größer, stell ich mir die Magellan'schen Wolken vor.
Mein 100. Messier-Objekt ist M18, ein zwar kleiner aber recht feiner offener Sternhaufen. Es sit wie ein Nest
aus rund 12 Sternen, die allesamt recht hellblau bis weiß strahlen.
Der Schwanen- oder Omeganebel, M17, schwimmt wunderbar im reichen Sternenmeer der Milchstraße! Schon
bei 28x ist die Form gut erkennbar, bei 36x noch besser. Bei 62x wird der Umriß noch deutlicher, auch die
gerade, wie abgeschnitten wirkende Nebelkante. Auch hier hat Bärbel eine Zeichnung angefertigt:
M17, 63x, 130mm-Newton, f=900mm mit UHC , Zeichnung Bärbel Langlotz
Mit UHC werden der Umriß des Schwans, sein zweigeteilter Körper und die vielen benachbarten Nebelbereiche
noch viel, viel präsenter. Südlich des Schwans - jenseits der geraden Kante - sind einige helle Sterne ebenfalls
in einen Nebelbogen gebettet, der vom Schwanz des Schwans ausgeht. So könnte man sich wirklich ein Omega
vorstellen.
M20, ein runder nebel mit zentralem Stern, zeigt bei 36x und indirektem Sehen zwei Elefantenrüssel, die unter
Zuhilfenahme des UHC seltsamerweise schwächer werden. Bei 63x mit UHC erkennt man, daß auch der
nordwestlich gelegene Nachbarstern von einem - allerdings schwächeren - Nebel eingehüllt ist! Diese Nebelmassen
ziehen sich fast bis zu M21 hinüber, einem kleinen offenen Sternhaufen, der schön zu diesem mystischen Nebelfeld
kontrastiert, sozusagen das Reale neben dem Irrealen.
M8, der Lagunennebel, offenbart eine phantastische Detailfülle, deren Anblick man fast nicht beschreiben kann.
Die dunkle trennung beider Nebelbereiche ist mehr als augenfällig. Der Sternhaufen NGC6530 setzt dem ganzen
dann noch die Krone auf. Von M8 hab ich auch eine Zeichnung gemacht:
M8, 63x, 130mm-Newton, f=900mm mit UHC, Zeichnung Markus Langlotz
Interessant ist dabei auch ein Vergleich mit zwei Zeichnungen, die Bärbel und ich im Sommer letzten Jahres
am 4,5"-Newton gezeichnet haben:
M8, 37x, 114mm-Newton, f=900mm
linkes Bild: Bärbel Langlotz, rechtes Bild: Markus Langlotz, gezeichnet am 22. Juli 2001
Man sieht sehr deutlich, daß beim ersten Beobachten eines solchen Objekts die enorme Detailfülle
einfach noch nicht zu erkennen ist. Ein Jahr Beobachtungserfahrung, und die dritte Sichtung eines
Objekts bringen da schon eine deutliche Steigerung!
Mittlerweile war es 00:30 Uhr geworden, wie die beiden Schläge der entfernten Kirchturmuhr uns wissen
ließen. Bärbel, die ja um 7 wieder rau mußte, setzte sich also ins Auto und fuhr schon mal heim, während
ich meiner Messierliste noch drei weitere Premieren - allesamt Kugelsternhaufen - hinzufügte. Da der
Himmel doch recht gut war, war dies eine mehr als richtige Wahl: unterschiedlicher können nämlich drei
Kugelsternhaufen nicht sein. Aber der Reihe nach!
Begonnen habe ich mit M55, von dem es immer heißt, er sei eines der schwierigeren Messier-Objekte.
Folglich war ich ob dessen Größe erstmal erstaunt. Er war bei 36x deutlicher zu sehen als ich gemeinhin
M4 mit dem 5-Zöller zu sehen bekomme. Der haufen ist sehr, sehr locker und schon bei 36x deutlich körnig,
fast schon an der grenze zum Aufgelöstsein. Bei 63x ist er schon wirklich groß und deutlich grieselig, man
könnte fast schon von vielen schwachen Einzelsternen sprechen. Südöstlich von M55 steht ein etwa 9m
helles Sternchen.
Weiter ging es zu M75, der zwar nur ein Drittel so groß ist wie M55, dafür aber deutlich heller ist! Bei 63x sieht
man um den kleinen, strahlend weißen, hellen und nicht auflösbaren Kern einen deutlich lichtschwächeren Halo.
Bei 128x trennen sich Kern und Halo noch deutlicher. Dieser kleine, kompakte Kugelsternhaufen ist aber trotz
seiner Helligkeit .
M30 hingegen ist schon bei 36x ein prächtig körniger Kugelsternhaufen, etwa halb so groß wie M55 und ins-
gesamt sehr, sehr hell! Bei 63x ist er am Rand schon aufzulösen. Man erkennt einen sehr grieseligen hellen Kern
und einen kaum weniger hellen Randbereich. Der ganze Kugelsternhaufen wirkt länglich und weist einen
nach Norden hin ausgefransten randbereich auf. Bei 128x offenbaren sich sogar nach Norden ausgreifende Sternen-
ketten, die letzlich für den ausgefransten Eindruck des Nordrandes verantwortlich zeichnen.
Nachdems jetzt viertel zwei ist und ich auch müde bin, packe ich alles ins Auto. Um dreiviertel zwei lieg ich
bei Bärbel im Bett und denk noch über die tolle Sternentour nach, die mir 4 neue Messierobjekte geschenkt hat.
Da fehlen nur noch sieben...
Viele Grüße und weiterhin viele sternklare Nächte Euch allen,
Markus
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