Nachdem wir heil auf Bornholm angekommen waren, haben wir uns erstmal ein Quartier gesucht.
Es ist ein gemütliches Holzhäuschen geworden. Mit Terasse in einer kleinen Ferienanlage
-und jetzt kommts - ohne irgendwelche Wegbeleuchtung!!!!! Und auf einer leichten Anhöhe.
Von der Terasse breitet sich der Himmel aus wie eine Kinoleinwand - von WNW bis ESE mit praktisch
Horizontsicht. Auch nach genau Süden war eine breite Lücke im Gebüsch. Aber mir wurde
trotzdem schnell klar, daß das nix bringt. Aber dazu später.
Hier erstmal kurz die Beobachtungsdaten im Telegrammstil:
Teleskop:
Optus 70mm-FH-Refraktor, f=700mmm auf EQ2-neu (Optimus I)
Okulare:
26mm Superplössl (27x), 7mm Ortho (100x) , 4mm K (175x)
Sonstiges:
2x-Barlowlinse, Celestron ultima, 3-linsiger Achromat mit Luftspalt
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Zeitpunkt:
29. Juli 2001 - 17. August 2001
Visuelle Grenzgröße:
ca. 5,5mag bis über 6,0mag
Durchsicht:
extrem gut
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Doppelsterne:
Eta Cassiopeiae
Galaxien:
M31, M32, NGC1023, NGC6946, M110, NGC7331
Kugelsternhaufen:
M15
Offene Sternhaufen:
M29, M103, NGC663, NGC654, NGC457, NGC654, h und Chi, NGC7789, M52, IC1396, NGC6939, NGC7510, NGC1528, NGC559, NGC1502
Planetarische Nebel:
NGC 7662
Gasnebel:
NGC281
Sonstiges:
Mars, µ Cephei (Granatstern)
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Vorab sei hier ergänzend der aktuelle Standort genannt:
Bornholm, Allinge/Madselökke (55°16'56" N / 14°47'24" E)
Dies soll also hier nicht der ausufernde reine Beobachtungsbericht werden. Ich will vielmehr auch
die Bedingungen auf einer kleinen Insel auf 55° Nord im August schildern.
Am ersten Abend hab ich mir zur Entspannung nurmehr den Mars angetan. Steht der hier oben verdammt
tief. Ist ja echt übel, was sechseinhalb Grad nördlich da ausmachen! Entsprechend war am Mars auch
bestenfalls ein leicht angedeutetes Dunkelgebiet zu sehen. Als ausgleich war das atmosphärische
Spektrum um so schöner. Da mußte ich Optimus I gleich beruhigen, hatte der doch gleich verschämt
etwas Tau auf seinem Achromat, weil er bei dem die Schuld an dem Farbfehler wähnte...
Was mir ebenfalls sehr krass aufgefallen ist: wie hoch hier Capella über dem Nordhorizont steht!
Trotz alledem hab ich mir M36-M38 verkniffen, die riechen mir nun schon allzusehr nach Winter. Und
das kommt im Sommerurlaub nicht in die Tüte! Und -das ist mir am Wochenende zu Hause aufgefallen -
Pegasus steht da auch schon ein gutes Eck höher, bei uns versteckt er sich noch halb hinter dem
Nachbarhaus.
Von der Lichtverschmutzung war es hier auf Bornholm deutlich besser wie bei uns. Zum Einen strahlen
sie hier nicht jeden Supermarkt und jede Dorfkirche an. Zum anderen waren die klaren Nächte erstaunlich
dunstfrei, und das 500m Luftlinie vom Meer entfernt. A propos Lichtverschmutzung: Bei uns eröffnet
demnächst in der Nähe ein IKEA-Markt in Form eines gigantischen blauen Blechquaders. An allen vier
Seiten ein riesengroßer gelber IKEA-Schriftzug - auch aus Blech! Die werden doch nicht auf Leucht-
buchstaben verzichten??? Hoffnung macht sich breit. Auf der Heimfahrt vom Urlaub, 2km vom heimischen Nest
entfernt, dann die Ernüchterung: rund um den IKEA-Markt eine Batterie aus Flutlichtmasten im 25m-Abstand,
die den ganzen Blechwürfel volle Kanone anstrahlen. Wunderbar!
Was fällt hier oben noch auf? In mein Beobachtungsbericht hab ich notiert:
Am 10.8.2001 um 22:15 sind bis auf das Sommerdreieck noch keine Sterne sichtbar.
Vor 23:00 ist an Beobachten nicht zu denken.
Wieder zu Hause angekommen, meinte meine Frau um 9 Uhr abends, daß wir nach der langen
fahrt jetzt schon in die Heia sollten, es sei doch schon bestimmt kurz vor Mitternacht. Was
sechseinhalb Grad nicht alles ausmachen.
Die erste erwähnenswerte Beobachtungsnacht war dann schon am 1.8. Die Grenzgröße lag bei ca. 5m5. Die
Luft war erstaunlich kristallklar mit hervorragender Durchsicht. Um 22:30 beginnt M29 bei 27x langsam,
sich aus dem Himmelshintergrund rauszuschälen. Bei 100x ist der offene Haufen schön aufgelöst, die
geometrische Struktur erinnert an einen Mini-Hercules oder -Pegasus.
Weiterer interessanter Eintrag ins Beobachtungsbuch:
Capella steht hier fast höher über dem Nordhorizont als bei uns Mars über dem südlichen Horizont.
M103 zeigt ca. ein halbes Dutzend Einzelsterne vor leicht nebligem Hintergrund.
NGC 663 bei 54x wunderbar, relativ groß, enthält 20-30 auflösbare Einzelsterne, wobei 2 helle Sternpaare
das Gesamtbild dominieren.
An der genau lokalisierten und verifizierten Position von NGC 654 war nichts zu sehen.
NGC 457 grinst mich mit dem weiten Doppelstern Phi Cassiopeiae an wie ein Männchen; vor allem bei 54x
ein äußerst beieindruckendes Kerlchen. Hier ist das Männchen grad schön bildfeldfüllend. Eines der
Objekte, die Bärbel besonders gut gefallen haben.
Eta Cassiopeiae getrennt, schwächere Komponente im NW. Bei mir wirkt aber die schwächere Komponente blau
und die deutlich hellere orange. Also noch das 7er Ortho rein und da gabs dann des Rätsels Lösung:
das war ein Reflex im 1. Beugungsring. Der Begleiter ist rot und deutlich weiter weg! Die Trennung ist
also kein Problem für Optimus I.
NGC281 - da könnte bei 27x eine milchige Nebulosität sein, die bei 54x weg ist und bei 27x wieder da.
Allerdings ist sie nicht ganz sicher - es könnte auch ein Dunstfetzen sein - allerdings bei dem
kristallnen Himmel auch unwahrscheinlich.
Über h und Chi schreib ich nix mehr, da ist alles gesagt. Nur soviel: die beiden befördern sogar einen
70mm-Refraktor zum vollwertigen Teleskop!
Erstaunlich hell war auch M15. Sogar bei 100x noch gut hell, ein ungleichmäßiger Nebelfleck ohne Einzel-
sterne, aber schön als Kugelsternhaufen zu sehen. Sogar 175x sind bei M15 noch drin und hier wird er
tatsächlich schon leicht körnig!
M31 macht bei knapp 2° Gesichtsfeld bei 27x auch so richtig Spaß! Auch M32 ist als kleiner heller
"Stern" mit Wattebausch drumrum zu sehen. Der Halo von M31 selbst umfängt sogar den einen oder andren
Vordergrundstern - so schön war M31 noch nie. Für NGC 1023 hats aber nicht gereicht. Als entschädigung
bin ich dann noch ein paar Grad nach Norden zu M34, welcher echt der Knaller war, bei 54x fast schon
zu locker, am besten war der Eindruck bei 27x, ein äußerst lohnendes Objekt für kleine Optiken.
Am 6.8. 2001 um 3:50 hab ich spontan mit dem 210er und dem 420er Tele eine auffällige Jupiter-Venus-
Konstellation fotografiert. Und Nachts darauf Bautasteine vor Fast-Vollmond angeblitzt. Wieder was
für meine Bilder-galerie unter "Astro-Art". Ich hoff, die Bilder werden was.
Am 7.8. breitet sich über unserer Terasse wieder herrlichster Sternhimmel aus. Dem Sternbild Perseus
entströmen strahlenartig viele, viele Sternschnuppen, die Perseiden. Anschaulicher kann man den
Begriff Radiant nicht vor Augen geführt bekommen - das war, gelinde gesagt, Klasse. Sternschnuppen
wirklich locker im Minutentakt. Was dabei gut zum Urlaub paßte: Die Perseiden heißen im Volksmund ja
auch Laurentiustränen. Und Laurentius ist der Schutzheilige der Insel Bornholm. Zumindest bei den
60 (sechzig!) restlichen bornholmer Katholiken. Die Protestanten kennen ja keine Heiligen.
M52 war direkt östlich eines Sternchens bei indirektem Sehen schwach zu sehen. Auch bei 54x
sehr, sehr schwach! NGC7789 mit 13mag/Quadratgrad war auch nicht drin und h+Chi war im Okular
nur ein Doppelstern. Was war passiert? Tonnenweise Tau auf der Frontlinse. Fazit: Teleskop reingestellt.
Am nächsten Tag dann mit einem Prospektblatt und einem Gummiring die Taukappe verlängert.
Mit Newton wär das nicht passiert...
Ab nun sollten dann die Nächte nochmals besser werden! Für die weiteren Beobachtungen gilt eine
Grenzgröße von rund 6m um Polaris, im Zielgebiet eher noch besser. Dies soll folgendes Zitat aus
dem Beobachtungsbuch untermauern:
Ein Wahnsinnshimmel! Die Milchstraße ist zwischen den Horizonten als helles, weißes, stark strukturiertes
Band zu sehen. Sie wirkt mit bloßem Auge richtiggehend körnig - wie aus tausenden von Einzelsternen
hingestreut. Die Zweiteilung ist problemlos erkennbar. Fast noch deutlicher ist der nördliche
Kohlensack zu sehen. Auch die Milchstraßenausbuchtung im Sternbild Cepheus ist sehr gut sichtbar.
Am 9.8. ging es dann als Auftakt gleich nochmal zu M52. Er ist östlich eines schwachen Sternchens
bei 27x als dreieckiger, schwacher Nebel zu erkennen, vor allem bei indirektem Sehen. Für 4 dunkle
Augen im Karkoschka ist er aber meines Erachtens etwas zu lichtschwach. Bei 54x werden dann doch schon
einige Einzelsterne sichtbar - aber insgesamt ein schwaches und anstrengend zu beobachtendes Objekt.
Für ein Fernglasobjekt halt ich das schon für sehr gewagt. Später, bei mehr Dunkelheit, ist M52 aber dann
doch noch um einiges besser zu beobachten, dunkler Hintergrund bringt grade auch bei diesem Objekt
enorm viel und ist bei kleinen Optiken das A und O.
NGC7789 konnte diesmal bei 27x ad hoc als ca. 0,25° großer, dunkelgrau körniger Fleck ausgemacht werden.
Bei 54x zeigt sich ein kissenförmiger nebel, wo auf den Diagonalen des Kissens einige Einzelsterne
zu sehen sind.
µ Cephei, der Granatstern, ist enorm rot und einer der wenigen Einzelsterne, die man im Teleskop
unbedingt mal gesehen haben sollte! 1,5° SSW davon findet sich IC1396. Ein beeindruckender Sternhaufen,
der bei 27x das ganze Bildfeld füllt. Die Sterne verdichten sich in 2 sich flach kreuzenden, geraden
Sternenketten wie ein Andreaskreuz.
NGC6939 ist schwach zu sehen. Idirekt ist ein schwacher Nebel innerhalb eines flachen Dreiecks aus
schwachen Sternen zu sehen. Die Galaxie NGC6946 innerhalb des selben gesichtsfeld konnte ich nicht
sehen, was wohl auch am gerade aufgehenden Mond lag. Dessen wunderschön orangeroten Aufgang über dem
Meer hab ich dann mit 210mm und 420mm Brennweite gleich mal fotografisch festgehalten.
Am 11.8. ging es dann in einer fast noch besseren Nacht mit noch späterem Mondaufgang zu Werke.
Eine Nacht, die sich für den Optimus echt lohnen sollte!
Zu Beginn ein Nicht-Karkoschka-Objekt aus dem Deep-Sky-Reiseführer von R. Stoyan: NGC7510.
Bei 27x ist er leicht als längliches Nebelchen zu identifizieren, welches bei 54x flach dreieckig
wirkt. Bei 100x bilden 4 hellere Sterne im Süden eine gerade Linie. Ein 5. Stern spannt mit diesen
ein flaches, pfeilförmiges Dreieck auf. Zwischen diesen Sternen wirkt es leicht neblig.
NGC1023 ist heute direkt oberhalb zweier Sternchen als länglicher, dunkelgrauer nebelstreif zu sehen,
er bildet mit diesen beiden Sternen eine leicht gebogene, äquidistante Figur.
NGC 1528 ist heute das reinste Sternengewimmel! Bei 54x zeigen sich ungefähr 25 weiße Sterne vor
klumpiger Nebulosität. Das Objekt hat etwa ein halbes Grad Durchmesser. Grandios!
NGC6939 ist bei 27x vor allem indirekt recht gut sichtbar. Ebenfalls indirekt konnte ich die
Galaxie NGC6946 als rundes, ca. ein Viertel Grad großes Fleckchen oberhalb zweier Sterne blickweise
erkennen. Für 70mm Öffnung, denke ich, ist das schon mal nicht schlecht.
Zum Abschluß dann noch M31, riesengroß! Der Halo streckt sich vor allem östlich des Zentrums auf
über 2° in den Raum. Setzt man Symmetrie voraus, wäre M31 also rund 4° "breit".
Am 15. August gings dann nochmals zur Sache:
NGC559 ist bei 27x ein schwaches längliches, kleines Nebelchen. Bei 54x erscheint er blickweise
eher rundlich. Sehr schwach!
NGC1502 am Ende von Kemble's Cascade ein bei 54x schon in Einzelsterne trennbarer Sternhaufen, dessen
hellstes Mitglied ein recht weiter Doppelstern ist. Bei 100x werden noch rund fünf bis zehn
zusätzliche, schwächere Sterne sichtbar, die Anordnung ist sehr länglich.
Die Andromeda-Region verdient bei dem glasklaren Himmel ebenfalls besondere Beachtung: M31 ist
wie immer besonders östlich des Zentrums sehr weit in den Raum hinaus zu sehen - teilweise sind im
Halo sogar Helligkeitsabstufungen zu sehen, wenn man in aller ruhe bequem beobachtet. Im Halo von M31
sind auch einige Vordergrundsterne zu sehen. M32 kommt vor allem bei 54x besonders gut raus. Auch M110
auf der anderen Seite des Kerns der Andromedagalaxie ist als runde Galaxie niedriger Flächenhelligkeit
bei 27x eindeutig zu halten. Sie ist deutlich größer als M32.
Auch der Kugelsternhaufen M15 läßt sich heute wieder bis 100x vergrößern, wo er doch schon deutlichst
granulär wirkt, wenngleich für Einzelsterne einfach die Öffnung von 70mm nicht reicht.
Nun gings noch zum planetraischen nebel NGC7662, dem blauen Schneeball. Dieser ist bei 27 bei indirektem
Sehen als non-stellar erahnbar, bei bei 54x deutlich als runder Nebel, welcher grau wirkt, vom Farbton her
etwas kälter, fast ins eisblaugrau...
Bei 100x kommt der taubenblaue Eindruck noch besser raus, genauso wie seine Flächengestalt, die einen
optischen Kontrast zu zwei benachbarten Feldsternen bietet, mit denen NGC7662 ein gleichseitiges
Dreieck bildet.
So kristallklar, wie der Himmel war, wollte ich dann noch die Galaxie NGC7331 wiedersehen, die ich bisher
nur vom Zehnzöller her kenne. Sie kann bei 27x als nord-süd elongierte Spindel gesehen werden, auch
bei54x, da aber vor allem bei indirektem Sehen. Das indirekte Sehen bei NGC7331 wurde besonders durch zwei
östlich benachbarte Sternchen erleichtert: wenn man diese Anblickt, springt einen NGC7331 förmlich ins
Auge.
Insgesamt nehme ich folgendes mit: auch mit einem bescheidenen Zweidreiviertelzöller kann man einiges sehen,
wobei viele Objekte schon recht nah einer grenze liegen, wo die Detailwahrnehmung rapide abnimmt.
Wie Bärbel so schön sagte: Im 4,5er sieht man Details an Objekten, von denen man im Optimus nur Nuancen mehr
erkennen kann, als daß sie überhaupt da sind. Andererseits hats tierischen Spaß gemacht, was ja bekanntlich
die Hauptsache ist. Und ich finde, Optimus der Erste hat sich schon sehr wacker geschlagen! Dafür haben
wir gemeinsam auch ab und an ein Bierchen geleert, aber erst NACH dem Spechteln- als Schlaftrunk sozusagen.
Wobei das dänische 0,33l-Quantum ja eh keinen Bayern vom Sockel haun kann :-)
Und, was ich auch wichtig finde und warum ich ab und an immer wieder gerne eins der beiden kleinen Fernrohre
benutze: Aufstellen und Ausnorden dauert 30 Sekunden, quasi ein Handgriff und die anstrengendere Detailerkennung trainiert das Sehen enorm - beim Optimus noch viel mehr als beim Saturn, dem 4,5er Newton.
Denn der 10-Zöller verweichlicht einen auf Dauer. Man nimmt irgendwann auch nicht mehr DIE Detailfülle wahr,
die man eigentlich wahrnehmen könnte, da das Objekt der Begierde ja quasi auf dem Silbertablett gereicht
wird.
So, das wars aus dem Norden.
Viel Grüße und clear skies,
Markus
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