Hallo Sternenfreunde!
In meinem letzten Bericht (siehe hier) habe ich ja versprochen, die nächste
sternenklare Nacht würde dem Optimus gehören. Und natürlich habe ich
Wort gehalten. Andererseits: Muß man nicht verrückt sein, wenn man den
Fünfzollnewton von der Montierung schraubt, einen Zweidreiviertelzoll-Refraktor
draufschraubt un damit auf Galaxienjagd geht? Muß man nicht verrückt sein,
wenn man bei 5m5-Himmel im Garten den Zehnzollnewton im Keller läßt?
Ja, man muß verrückt sein! Aber - ist es nicht das schöne an unsrem Hobby,
ein wenig verrückt sein zu dürfen? Und um es vorwegzunehmen: ich bin von
dem kleinen Refraktor immer wieder schwer beeindruckt! Und da ist kein
Schönreden dabei, denn ich hätte die zwei- oder viermal so große Öffnung
ja bei mir parat stehen! Was mich aber an den drei Abenden am meisten
gefreut hat: Der Optimus hat mir gleich zwei neue Messierobjekte geschenkt,
mein 91. und mein 92. !
Hier aerstmal kurz die Beobachtungsdaten im Telegrammstil:
Teleskop:
Optimus Refraktor auf äquatorialer Skyview-Montierung mit Polsucher
FH-Achromat, Öffnung 70mm, Brennweite 700mm (1:10)
Okulare:
32mm-Plössl von Celestron (22-fache Vergrößerung)
26mm-Super-Plössl von MEADE, Serie 4000 (27-fache Vergrößerung)
~14,5mm WA Erfle von INTES (48-fache Vergrößerung)
12,5mm orthoskopisches Okular von Vixen (56-fache Vergrößerung)
7mm orthoskopisches Okular von Celestron (100-fache Vergrößerung)
6,3mm-Kellner von Bresser (111-fache Vergrößerung)
5mm Eudiascopic von Baader (140-fache Vergrößerung)
Sonstiges:
2x-Barlowlinse, Celestron ultima, 3-linsiger Achromat mit Luftspalt
Baader Skyglow Filter
Astronomik UHC-Filter
Binokular:Bresser Saturn Zoom, 9-27 x 56
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Zeitpunkt:
Sonntag, Montag & Dienstag, 28., 29., 30. April 2002, je 22:00-23:30
Visuelle Grenzgröße:
ca. 4,5mag am 28.
ca. 5,5mag am 29.
ca. 5,3mag am 30.
Durchsicht:
gut bis sehr gut
Seeing:
nicht überprüft
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Doppelsterne:
Epsilon Bootis, Pi Bootis
Galaxien:
M64, M98, M99, M100, M84, M86, M87, M49, NGC4526, M60, M59
Kugelsternhaufen:
M53, M13
Offene Sternhaufen:
-
Gasnebel:
-
Planetarische Nebel:
-
Sonstiges:
-
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Begonnen hat es am Sonntag abend, zwar erst die erste Nacht nach Vollmond,
aber es war halbwegs klar in den Wolkenlücken und so wollte ich halt wenigstens
ein bißchen was beobachten. Erstmal Doppelsterne. Epsilon Bootis (2m5;4m9;2,9").
Auch bei 140x keine Chance, eine Airydisk mit Beugungsringen drumrum aber nix
was irgendwie asymmetrisch wäre. Ich bin neugierig, ob ich den mit dem Optimus
mal knacken werde. Dafür war dann Pi Bootis (4m9;5m8;5,5") um so einfacher:
ein blauer Stern, der östlich von einem ebenfalls blauen, aber rund 1mag schwächeren
Stern in einigem Respektabstand verfolgt wird. Ein schöner Anblick, bei 140x mit
deutlich großem Zwischenraum! Von Westen treibe wieder dicke, weiße Wolken
her, aber da, im Süden, da bleibts bestimmt noch eine Viertelstunde klar! Also:
M64, die Galaxie mit dem schwarzen Auge. Trotzdem, daß der noch fast volle Mond
grade aufging und den immer wieder durchhuschenden Wolkenfetzen ist M64 bei 28x
gut zu sehen. Auch bei 48x im Erfle ist die Galaxie eindeutig noch mit direktem Sehen
zu halten; bei dieser Vergrößerung zeigt sie sich 2:3 elongiert, wobei die längere
Achse ziemlich genau in Driftrichtung orientiert ist. Da nun der Mond die Wolken immer
mehr illuminiert, laße ich es für heute genug sein.
Am Montag Abend wird es wieder wunderbar klar, der Mond kommt gut eine Stunde
später und: ich habe eine Woche Urlaub, kann also ausschlafen. Ideale Voraussetzungen
also für den nächsten Auftritt meines kleinen Optimus!
Zum Einsehen beginne ich mit M53, einem Kugelsternhaufen im Haar der Berenice. Schon
bei 22x fällt ein kleiner runder Nebel auf, nördlich dessen zwei kleine Sternchen blinzeln. Bei
28x wird der Anblick natürlich noch etwas deutlicher und bei 58x erkennt man schon ein
helles Zentrum umgeben von einem leicht grieseligen Randgebiet. Erstaunlich: Bei 100x
erkennt man M53 komplett bis ins Zentrum granulär, indirekt blitzt im Zentrum der ein oder
andere Stern auf. Steht der Kugelsternhaufen bei 100x in Bildfeldmitte, stehen die beiden
nördlichen Sterne ziemlich am Bildfeldrand. Es ist schon beeindruckend, was der kleine
70mm-Refraktor bei 100x im 7er Ortho so rüberbringt!
Nun gehts aber medias in res, direkt zum "großen T". M99 ist bei 58x grade noch erkennbar,
Bei 27x deutlich besser. Ein runder, blasser Nebelschimmer. M100 ist bei 27x nur bei Bewegung
des Teleskops sichtbar, der Einsatz des Skyglowfilters verbessert ihren Anblick minimal.
M98 ist fast nicht sichtbar, sie ist eindeutig die schwächste der drei Galaxien. M84/M86 sind
auch kaum erkennbar, dafür gibt M87 schon bei 28x einiges her! Bei 50x sieht man unmittelbar
südlich eines schwachen Sterns die runde Galaxie. Auch bei 56x und 100x ist M87 noch sichtbar.
Allerdings macht mich stutzig, daß trotz des klaren Himmels M84/M86 nicht mehr hergaben.
Prophylaktisch hab ich mal die Taschenlampe geholt und dem optimus in die Frontlinse geleuchtet.
Ich hoffe, er wird es mir verzeihn. Naja, das klassische Refraktorianerschicksal halt: trotz
15cm Taukappe ist die Frontlinse beschlagen. Vorsichtig nimm ich den Kleinen von der Montierung,
bring ihn ins Bad und föne ihn behutsam, bis er wieder klaren Blickes ist. Nach 2, 3 Minuten geht's
wieder weiter. M49 ist eindeutig die hellste Galaxie heute. Sie ist ebenfalls rund und fällt bei 28x
deutlich auf. Auch an der Stelle von NGC4526 ist ein schwacher Lichtschimmer zu erkennen!
Leider brauchte ich den Okularwechsel zu höheren Vergrößerungen nicht mehr durchzuführen,
denn eine dichte, weiße Wolkenwand bereitete dem zweiten Spechtelabend dieses Reigens ein
jähes Ende.
Am Dienstag dann zeigten sich abends massive Schleierwolken, der Sonnenuntergang war
richtiggehend hellgelb - ein tolles Farbspiel und bestimmt nix zum Galaxienspechteln. Doch -
je dunkler es wurde, desto klarer wurde der Himmel und gegen 22 Uhr konnte ich rund 5m3
Grenzhelligkeit konstatieren. Nicht schlecht. Freudig sprang Optimus I in den Garten raus und
wartete ungeduldig, bis ich ihm die Montierung ausgenordet hatte. "Heute starten wir aber gleich
mit Galaxien!" meinte Optimus I mit noch vom gestrigen Abend stolzgeschwellter Brust, um sogleich
seinen schlanken, dunkelblauen Tubus in Richtung "großes T" zu schwenken. M99, M100 und M98
(nach Sichtbarkeit absteigend geordnet) boten ziemlich den gleichen Anblick wie Tags zuvor, nämlich
recht schwache, strukturlose Aufhellungen. Nun gings gleich weiter zu M84 und M86, die gestern
wohl dem Taubeschlag des Achromaten zum Opfer gefallen waren. Bei 27x sind beide Galaxien
nebeneinander in E-W-Richtung angeordnet zu sehen, bei 50x zeigen sich zwei Galaxien mit
eindeutig etwas hellerem Kern in rund 1/3 Gesichtsfelddurchmesser Distanz. Die westlichere der
beiden Galaxien - also M84 - erscheint einen Tick heller. Mit diesem schönen Galaxienpärchen hat
mir Optimus I mein einundneunzigstes und zweiundneunzigstes Messierobjekt gezeigt! Das gibt
natürlich Auftrieb und so legte sich der Kleine bei M87 besonders mächtig ins Zeug! Diese Galaxie
macht da so richtig was her! Bei 27x ein stellarer, weißer kern mit - indirekt zu sehen - etwas Halo
drumrum zeigt sich bei 50x knapp südlich eines Sterns diese recht flächige, runde Galaxie mit
ihrem relativ hellen Zentrum und einem schwachen Außenbereich. Eine weitere, recht helle Galaxie
ist noch M60. Diese ist richtiggehend knackig hell und bei 50x recht groß und rund; etwa ein halbes
Grad westlich findet man die deutlich schwächere und auch kleinere Galaxie M59 knapp südlich
eines schwachen Sternchens, vor allem bei indirektem Sehen. M60 hingegen ist so hell, daß sie bei
58x noch im unfokussierten Zustand als Lichtklecks auffällt! Sie ist im fokussierten Zustand relativ
groß und leicht oval. Ein genialer Anblick!
Nach diesem Galaxienfest mußte nun noch - nachdem Hercules schon hoch genug geklettert war -
der Kugelsternhaufen M13 begutachtet werden. Schnell gefunden zeigt sich schon bei 21x ein in
Vergleich zu den Galaxien extrem heller runder Nebelball. So viel Licht hätt ich dem Optimus nicht
zugetraut. Bei 58x blitzen tatsächlich schon die ersten Einzelsterne durch. Und bei 100x (!) ist M13
immer noch richtiggehend leuchtkräftig und schon sehr groß, er füllt fast das innere Drittel des
Okulargesichtsfeldes. Der Kugelsternhaufen ist dabei granulär und prickelig bis ins Zentrum!!!
Ich fasse es kaum und bin schwer beeindruckt.
Was kann ich als Fazit der letzten Nächte an den Mann bzw. an die Frau bringen? Nun, wer sagt,
mit 3 Zoll könne man nicht vernünftig beobachten, ist selber schuld! Ich bin immer wieder erstaunt
und beeindruckt zugleich, was mit dem 70mm-Refraktor alles geht, wenn man denn nur will! Bei
M13 zeigte sich das Leistungsvermögen einer so kleinen Optik in wirklich mehr als faszinierender
Art und Weise! Aber, daß auch Galaxien in diesem Umfang machbar sind, beweist aufs neue:
Man muß nicht mit 8 Zoll anfangen. Nein, wer sich für den Anfang mit 4 Zoll und weniger bescheidet,
wird dann später einmal mit einer größeren Optik um so mehr Details am Firmament entdecken können.
So, genug der Rede, Schluß für heute!
Viele Grüße und viele sternklare Nächte Euch allen,
Euer Markus
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