Hallo Sternenfreunde!
Dieses Wochenende war mal wieder Beobachten angesagt - nachdem es am Samstag im Laufe des Nachmittags
doch aufklarte, holte ich erstmal den 10"er rauf. Da mir aber der Himmel zu milchig erschien, hab ich
den 10"er wieder runter und den 4,5"er rausgeholt. Im Garten wurden da die Objekte mit höherer Deklination
beobachtet.
Am Sonntag dann ein strahlend schöner Tag. Über mittag sind wir mit dem Kanu nach Weltenburg gepaddelt,
abends dann noch in der Stadt beim Mexikaner Essen gewesen und dann - den Saturn45 und den Optimus in
den Kofferraum und raus auf die umliegenden Felder. Dazu aber dann im Berichtstext genauer!
Hier erstmal kurz die Beobachtungsdaten im Telegrammstil:
Dörr/Danubia Saturn 45 - Newtonteleskop 4,5" f=900mm auf EQ-2 und Holzstativ
Okulare: MEADE Series 4000 Superplössl 26mm (35x)
Optus RK 20mm (45x)
Celestron Ortho 7mm (128x)
Kellner 6,3mm (143x)
Baader Eudiascopic 5mm (180x)
Celestron Ultima Barlow, 3-linsiger Apochromat mit Luftspalt
Optus 4mm (225x)
Baader Skyglow Filter
Zeitpunkt: 21.07.2001 22:30 - 01:00
22.07.2001 23:00 - 02:00
Grenzhelligkeit: im Zenith 5m5 am 21.07., ca. 6m am 22.07.
Durchsicht: sehr gut
Beobachtungsobjekte:
Offene Sternhaufen: NGC 6940, M11, h und chi, M29, M39, M21, M17, M16
Kugelsternhaufen: M15, M4, ???, M19, M28, M62, M22, M54, M70, M69
Planetar. Nebel: M57. M27
Gasnebel: IC4703, M8, M20
Doppelsterne: Epsilon Lyrae
Sonstiges: Komet A2/Linear
Begonnen hat der Beobachtungsreigen am Samstag um 22:30. Da es noch nicht ganz dunkel war, hab ich
als Einstieg erst einmal Epsilon Lyrae, das Vierfachsystem angepeilt. Bei 180x war Epsilon Lyrae
schon locker mit Zwischenraum in seine vier Komponenten zu trennen. Immer wieder ist schön zu sehen,
wie die beiden Orientierungsachsen der Sternsysteme zueinander senkrecht stehen.
Bei einem Täßchen Tee auf der Terasse ließen Bärbel und ich es dann noch ganz dunkel werden, bevor
dann ein Ausflug zu M57, dem Ringnebel in der Leier, auf dem Programm stand. Schon bei 36x ist er
ganz deutlich als runder Nebel zu sehen, der bei indirektem Sehen innen etwas dunkler wirkt. So und
vor allem gebarlowt bei 72x sieht er fast aus, wie ein Auge. 180-fache Vergrößerung bringt aber beim
4,5er nichts mehr, da wird der kontrast zu schlecht. Wenn man bedenkt, daß M57 im 10"er bis 450x
ohne Kontrastverlust geht... Aber 180x ist beim 4,5er zu viel: der Nebel kaum mehr erkennbar, und das,
obwohl die umgebenden Sternchen punktscharf sind!
Dann wollten wir mal wieder was neues sehen und so gings dann in Richtung Schwan, der wunderschön
lautlos im Sommer genau über unseren Garten fliegt. NGC 6940, ein offener Sternhaufen, war das Objekt der
Begierde. Dieser war auch bald gefunden: Auf rund 1° länglich verteilt sind zwei, drei Dutzend gelbliche
hellere Sterne zu sehen. Dazwischen erkennt man Unmengen von winzigen, ganz feinen Sternpünktchen, fast
schon nebelig, das Ganze. Bei 72x läßt sich auch dieser Sternenhintergrund in klumpige Stern-
agglomerationen auflösen. NGC 6940 ist mir daher vom visuellen Eindruck stark wesensverwandt mit M11,
bei dem auch zwischen den hellen Haufenmitgliedern sich verdichtende Wolken von ungezählten Hintergrund-
sternen auszumachen sind. Insgesamt war NGC 6940 den Besuch mehr als wert! Der Vergleich mit dem
Wildentenhaufen ließ uns natürlich gleich Richtung Scutum aufbrechen und es dauerte nicht lange, bis wir
dieses Kleinod des Sommersternhimmels wieder vor dem Spiegel hatten. Schön wie immer, M11 zum x-ten
male mit Worten beschreiben zu wollen, hieße schlichtweg, Eulen nach Athen zu tragen. Trotzdem möchte ich
erwähnen, daß bei Vergrößerungen von 163x und höher ein richtiger Abtaucheffekt eintritt - man meint wirklich -
mitten im Sterngewimmel zu schweben.
M27, der Hantelnebel zeigte sich ebenfalls von seiner guten Seite, allerdings waren die Ohren nicht zu sehen,
aber warum dies Objekt im NSOG nur 3 Sterne hat, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Naja, dafür hat der
blue flash 4 Sterne, dann stimmt's ja wieder :-)
H und Chi in Perseus. Blaue Diamanten auf schwarzem Samt. Saphirgleiches Sternenfunkeln augenscheinlich
göttlicher Natur. Wie wenig bist Du doch, oh Mensch! Staub. Sternenstaub! Von den Sternen kamst Du, zu den
Sternen wirst Du zurückkehren.
Nach diesem wahrlich erhebenden Exkurs in das Sternbild Perseus kamen wir doch irgendwann wieder auf
Mutter Erde an. Und da unser Teleskop auch noch da war, gings wieder nach oben, Richtung Schwan, etwas
südlich von Gamma Cygni liegt M29: Eine Gruppierung von 8 Sternchen, die eine etwa H-förmige und recht
auffallende geometrische Figur bilden. Bei 163x kann man M29 wunderbar vereinzeln, wie nachfolgende Zeichnung
zeigt.
M29 bei 163x am 114mm-Newton, f=900mm
M39 sind 25 relativ helle, blaue Sterne, die locker verteilt sind auf einen Raum von vielleicht 0,3°. Ist
recht schön anzuschauen. Leider fehlen ihm die hunderte von Hintergrundsternen, sonst wäre er ähnlich wie
NGC 6940.
Nach einigem rumstochern in der gegend von Enif im Pegasusu konnten wir dann auch noch den allseits geliebten
Kometen A2/Linear ausfindig machen. Bei 36x und 72x sieht man schön die runde Koma, den helleren Kometenkern.
Ein Schweif ist bei 4,5" nicht auszumachen. Der Kern ist immer noch EIN Kern, zumindest im 4,5er zeigt der
Wanderer keine Zerfallserscheinungen. Die Flächenhelligkeit ist nicht mehr besonders hoch, M15 in der Nähe
hätte ich auf ca. 1mag mehr Helligkeit geschätzt.
Das wars dann für Samstag abend. Am Sonntag kam dann alles noch um einiges besser. Der Himmel war den ganzen
Tag glasklar, kein Wölkchen, kein Dunst, nichts zeigte sich am Himmel. Eigentlich wollte ich mir einen
Adapter für den 10"er zusammenlöten, um ihn am Zigarettenanzünder betreiben zu können. Da mir aber ein
Stecker abging, wurde nur der 4,5er und für Bärbel der Optimus ins Auto gepackt. 3km außerhalb, im Süden
von Neutraubling, östlich von Gut Lerchenfeld, beginnt der topfebene Gäuboden. Nach Süden bietet sich einem hier
eine wirkliche 0°-Horizontsicht. Im weiteren Umkreis kaum störende Lichtquellen, eine Milchstraße zum Greifen
nahe, die Milchstraßenteilung, die Schildwolke, das Sternbild Scutum, alles locker mit bloßem Auge zu sehen.
Grenzhelligkeit um die 6m. Beispielsweise das Sternbild Sagitta: da droben sind soviel Sterne, daß Sagitta selbst
fast nicht mehr zu erkennen ist.
Natürlich hatten wir unsren Astro-Astra gut ausgerüstet: 12V-Verlängerungskabel für meine selbstgebaute
LED-Rotlichtlampe, Tee, eine Decke, Astroliteratur, Beobachtungsbuch, Skizzenheft, Kekse - tutto kompletto
alles dabei. Das praktische an dem Beobachtungsplatz: ein geteerter Feldweg (3 Radfahrer, 1 Mofafahrer, 2 Hasen
und eine Katze pro Nacht). Daneben ein Wegkreuz mit 2 kleinen Bäumen, zwischen den Bäumen eine Bank - der ideale Beobachtungsposten. Beide Fernrohre auf dem Weg aufgebaut. Auf die Bank die Decke, den Tee, Okularkoffer, die Bücher und das Schreibzeug. Paßt perfekt. Vor der Bank das Auto, Scheiben runter, 12V-Kabel für die Rotlichtlampe zum offnen Fenster rausgehängt - fertig ist das bequeme Observatorium. Inklusive klassischer Musik aus dem Autoradio - der ideale "Sound" zum Sterneschaun ;-)))
Wo sind wir hier genau? Ein Blick auf das Navigationssystem im Auto gibt Auskunft:
48°57'48" N / 12°13'25" E
So ausgerüstet war um 23:00 die "Aussensternwarte" einsatzbereit, die Fernrohre aufgebaut und - besonders wichtig -
ausgenordet! So ging es denn gleich in medias res. Erst ein einfach zu findendes Objekt: M4 etwas westlich von
Antares. Bei 36x schon recht groß aber doch recht schwach von der Helligkeit her, es sind aber über den ganzen
Kugelsternhaufen verteilt schon Einzelsterne zu sehen. Bei 72x sind die Einzelsterne noch besser zu sehen, M4 wirkt
hier leicht oval, länglich. Aber M4 finde ich immer etwas enttäuschend, laut papierform sollte er eigentlich
mehr hergeben. Aber seine Flächenhelligkeit ist schon arg dürftig.
Dann machten wir uns auf den Weg zu M19. Als Ausgangspunkt diente uns der Stern 36 Ophiuchi. Auf halber Strecke
zwischen 36 Oph und M19 purzelt mir doch ein kleiner, sehr kompakter, aber gut zu sehender Kugelsternhaufen
ins Okular. Erich schreibt nix drüber. Dieses Objekt ist L3, mein drittes "selbstentdecktes" Objekt. Ich werde
morgen mal den NSOG befragen, was ich da gesehen hab. M19 ist rund zwei bis dreimal so groß wie besagter L3, Einzelsterne sind nicht erkennbar, er wirkt leicht oval. Auch im 7er ortho ist bestenfalls Granularität erkennbar,
Einzelsterne sind bei M19 auch bei hoher Vergrößerung nicht erkennbar.
M62 hingegen ist deutlich heller, aber sehr, sehr kompakt. Also gleich mal im 7er Ortho: hier blitzt im östlichen
Bereich des Kugelsternhaufens der eine oder andere Einzelstern auf. M28 ist von der Helligkeit ähnlich wie M62,
aber größer und damit viel besser auflösbar: er ist bei 45x schon deutlich granulär, im 7er Ortho wirkt M28
leicht dreieckig. Nun mußte mal ein wirklicher Knaller her! Was lag da näher, als ein Besuch bei meinem
Lieblingskugelsternhaufen - M22. Was war das für ein Wiedersehen - nach über einem Jahr! Er übertrifft einfach
ALLE bei uns zu sehenden Kugelsternhaufen. Schon bei 36x ist er bis in Zentrumsnähe auflösbar. Er ist sehr hell
und überdurchschnittlich groß. Bei 180x wirkt er schon schön aufgelockert, aufgelöst in Einzelsterne bis ins
Zentrum. Ein Dutzend Sterne ist heller wie der Rest. Er wirkt sehr, sehr plastisch, wie ein dreidimensionales
Raumgebilde! Die beste Mischung aus Helligkeit und Vergrößerung liegt bei ca. 45x.
M54 ist sehr, sehr klein und kuam als Kugelsternhaufen identifizierbar. Das gleiche gilt für M69 und M70.
Zum guten Schluß kamen jetzt die absoluten Hämmer als Finale. Wir beobachten jetzt schon seit gut drei Jahren
intensiv Sterne - ab das, was jetzt kam, hat uns regelrecht umgehaun. Es war einfach das genialste Spechtelerlebnis
wenn nicht überhaupt, dann doch seit langem.
Ausgangspunkt war nochmals der Kugelsternhaufen M28 als ein schnell und leicht zu findender Referenzpunkt.
Dann gings erstmal zu M8, dem Lagunennebel. Ja gibts denn sowas??? Da steht man mit einem popeligen
Viereinhalbzöller in der Landschaft - das UHC-Filter wurde Freitags abgeschickt und war noch nicht da - und
sieht: einen wunderschönen offenen Sterhaufen und daneben zwei Sterne, die in einen mehr als deutlich sichtbaren
gasnebel gehüllt sind. Wohlgemerkt: mit viereinhalb Zoll ohne UHC! Ein Anblick ist das wie aus dem
Bilderbuch: die Gasmassen und mittendrin die jungen, neugeborenen Sterne. Dieses Objekt übertrifft alles, was ich
jemals beobachtet habe: die Kombination aus offenem Sternhaufen und Gasnebel ist unübertrefflich. Wenn da nicht...
Aber dazu später!
Der Lagunennebel war ein so genialer Anblick, daß ich ihn gleich zeichnerisch festgehalten habe. Bärbel wollte
da natürlich auch nicht nachstehen und ich denke, es ist recht reizvoll, mal beide Zeichnungen direkt nebeneinander
zum Vergleich zu sehen. Sie sind am selben Fernrohr zum selben Zeitpunkt am selben Okular angefertigt worden!
M8 bei 37x im 114mm-Newton, f=900mm, Beobachter: Markus Langlotz
M8 bei 37x im 114mm-Newton, f=900mm, Beobachter: Bärbel Langlotz
Etwas weiter nördlich liegt M20 - zwei Sterne hüllen sich in einen Nebel, der in der Mitte einen dunklen "Riß"
zu haben scheint: der Trifid-Nebel. Dieser Anblick übertraf fast M8 noch - daß es sowas gibt! Phantastisch!
Etwas oberhalb sitzt der kleine kompakte offene Sternhaufen M21, der gerade in Kombination mit dem Trifid
unvergleichlich schön ist. Gebarlowt bei 72x wirkt der Trifidnebel fast noch etwas größer. Was hier abgeht, ist
der absolute Hammer!
Nächster Referenzpunkt war die Milchstraßenwolke M24: die absolute Orgie an Geprassel von hellen und Myriaden
schwacher Sterne! Gigantisch!
Etwas nordöstlich davon ist M17 und der schlägt dem Faß nun wirklich den Boden aus! ein offener Sternhaufen
ist direkt neben einem 0,5° messenden Nebelkomplex zu finden. Die hellste Stelle des Gasnebels ist deutlich
länglich und ost-west-elongiert. Erhöht man die Vergrößerung auf 72x, so werden richtiggehend Strukturen und
Helligkeitsabstufungen in M17, dem Omeganebel, sichtbar.
Die drei Objekte M8, M20 und M17 stellen echt alles in den Schatten, was ich bis dato beobachtet habe. Es gibt Dinge,
die können nicht übertroffen werden. Die drei gehören dazu.
Noch etwas weiter nördlich steht M16 mit dem umgebenden IC4703. Auch dies Objekt ist nicht von schlechten
Eltern. Klar, der dreieckige Sternhaufen ist hier im Gegensatz zu den andern drei der auffälligere Teil,
jedoch ist auch hier die Nebulosität eindeutig zu sehen. Bei 4,5" ohne UHC! M16 ist wie gesagt dreieckig und
besteht aus orangegelben Sternen, die beiden hellsten sind im Zentrum des Sternhaufens und stehend auffallend
recht nah beieinander.
Fazit:
Insgesamt 10 neue Objekte auf meiner Liste. Und mit den kobinationen Gasnebel/offene Sternahufen der
Sommermilchstraße nach gut drei jahren eine ganz neue Erfahrung gemacht. Ich hätte nie gedacht, daß diese
Objekte derart facettenreich und eindrucksvoll sind und vor allem, daß sie sogar ohne UHC sehr gut(!) zu
sehen sind. Was wird sich uns da im 10-Zöller mit UHC-Filter offenbaren?
Clear skies
Markus