Hallo Sternenfreunde!


Gestern konnte ich bei klarem, lauem Wetter wieder eine wunderbare Beobachtungsnacht
durchziehen. Begleitet von Optimus und meiner Frau wurde im Garten von 11 Uhr bis
2 Uhr gespechtelt.
Der 10" hat sich heute einen Namen verdient und wurde von mir geadelt bzw. getauft:

Vom MEADE Starfinder 10" EQ erhoben zum Lord Rosse am 24.Juni des Jahres 2001

Lord Rosse, irischer Astronom, nahm am 15. Februar 1845 den Leviathan von Parsonstown
in Betrieb, ein Spiegelteleskop mit 183cm Durchmesser (!!!) und ca. 17m Brennweite.
Im April 1845 konnte er damit die Spiralstruktur vom M51 entdecken. Das Teleskop
blieb für 70 Jahre das größte Teleskop der Welt.

Nach dieser Gedenkminute gings aber dann medias in res.

Für alle jetzt aber erstmal im Telegrammstil die Beobachtungsdaten:

Teleskop:
Meade Starfinder 10" Newton auf äquatorialer Montierung mit 2-Achsensteuerung
Hauptspiegelbrennweite 1140mm, Öffnungsverhältnis von 1:4,5
Strehl-Wert: 88%
Okulare:
26mm-Super-Plössl von MEADE, Serie 4000 (44-fache Vergrößerung)
7mm orthoskopisches Okular von Celestron (163-fache Vergrößerung)
6,3mm-Kellner von Bresser (180-fache Vergrößerung)
5mm Eudiascopic von Baader (228-fache Vergrößerung)
Sonstiges:
2x-Barlowlinse, Celestron ultima, 3-linsiger Achromat mit Luftspalt
Baader Skyglow Filter
Binokular:Bresser Saturn Zoom, 9-27 x 56
Zeitpunkt:         
Samstag, 24. Juni 2001, 22:30-02:10
Visuelle Grenzgröße:
ca. 5,0 mag
Durchsicht:
gut
Doppelsterne:
Epsilon Lyrae, Delta Cygni, Epsilon Bootis,  
Galaxien:
NGC6207, NGC 6384
Kugelsternhaufen:
M13, M9, M10, M12, M14, M107, NGC6712
Offene Sternhaufen:
M11, NGC6633, M26
Planetarische Nebel:
NGC6572

Bevor es so richtig dunkel wurde, gings erstmal zum Aufwärmen auf Doppelsternjagd.
Epsilon Lyrae ist im 7mm Ortho bei 163x kein Problem, deutlich getrennt in 2x2
sehr helle, blaue Komponenten mit deutlichem Zwischenraum. Die Orientierungen beider
Paare stehen aufeinander senkrecht. Epsilon Lyrae ist ganz ruhig und turbulenzfrei
im Oklar, fast schon wie gemalt!
Dann nahm ich Delta Cygni ins Visier. Mit dem hab ich noch eine Rechnung offen. Es zeigte
sich EIN gleißend heller, punktfeiner Stern ohne Begleiter. Das war also wieder nix.
Die Rechnung bleibt offen.
Natürlich mußte dann noch ein Erfolgserlebnis her - also einmal über den viertel Himmel
geschwenkt. Das Ziel: Pulcherrima, Epsilon Bootis. Bei 163x geht noch nix. Bei 228x zeigt
sich NNW eine blaue, deutlich schwächere Komponente. Bei 326x hätte noch ein Stern zwischen
den beiden Platz gefunden.
So. Mittlerweile war es endlich dunkler geworden, was ja um diese Jahreszeit bekanntlich
etwas länger dauern kann. M13 ist zwar heute nur Durchgangsstation; dennoch ist er bei 57x
schon eine wunderschöne Anhaäufung tausender Glitzersterne - Wahnsinn, wie der 10-Zöller
das im Vergleich zum 4,5er rüberbringt. *Ehrfurcht*
Daraufhin genehmigten meine Frau und ich uns erstmal ein Täßchen Tee; die Kanne auf dem Stövchen
auf dem Gartentisch mußte ja für die ganze Nacht herhalten. Nun konnte es richtig dunkel
werden, denn M13, wie gesagt, war nur Durchgangsstation - und zwar zu einer nur 40' entfernten
Galaxie: NGC6207 mit einer Helligkeit von 11m6 nicht mehr ganz leicht. Also los gehts.
Etwa 20' östlich von M13 liegt ein Stern. Den erstmals durch Verfahren in RA zentriert. Dann
durch Verfahren der Deklinationsachse nach Norden den nächsten nördlichen Stern ins Bildfeld holen.
Das Bildfeld reicht für beide Sterne. Und tatsächlich - zwischen beiden Sternen, etwas nach Westen
versetzt, ist dunkelgrau die Galaxie NGC 6207 (11m6) zu sehen. Indirekt etwas besser, aber auch
direkt ist sie schön zu halten! Dann wollte ich auf 88x steigern. (26er SPL mit Barlow). Hab
aber erstmal das 26er OHNE Barlow rein. Jetzt ist zwischen den beiden Sternen Die Galaxie zu sehen
und links unten im Bild gleichzeitig M13!!! Der Paradekugelsternhaufen schlechthin gemeinsam mit
einer 11m6-Galaxie im Bildfeld, das ist außer beeindruckend nur noch genial! Das mußte natürlich
am Okular gezeichnet werden!

M13 und NGC6207 bei 44x im 10"-Newton, f=1140mm

Bei 88x ist der Kontrast nochmals besser. Hier bestätigen sich Lage und Aussehen der Galaxie
ganz genau so, wie ich sie gezeichnet habe.
Hierauf hat sich Lord Rosse eine Pause und Bärbel und ich eine weitere Tasse Darjeeling second flush
verdient.

Und dann gings, während sich Bärbel mit dem Optimus (70mm-Refraktor) an M57 verlustierte, zu meinem
eigentlichen Vorhaben, den Kugelsternhaufen im Ophiuchus.
Den Auftakt sollte M9 bilden und das war gleich der volle Schuß in den Ofen - den im Okular bliebs
rabenschwarz. Das Sucherfernrohr zeigte dann des Rätsels Lösung: nachbars Hausdach. *muß da auch
dieses blöde Haus genau im Süden stehen??*
Also M10: ein durchschnittlich heller Kugelsternhaufen, der vor grauer Nebulosität rund ein Dutzend
Einzelsterne zeigt. Etwas nordwestlich davon liegt M12, der wirkt etwas kleiner und lockerer wie M10.
Hier sind schon bei 57x sehr schön Einzelsterne zu sehen.
Besonders interessant fand ich M14, ist dieser doch sehr dicht und sternenreich. Er erscheint zunächst
nur neblig mit einem radialen Helligkeitszuwachs zur Mitte hin. Bei indirektem Sehen ist die Andeutung
einer Granularität erkennbar.
M107 ist der kleinste und schwächste der heute beobachteten Kugelsternahufen. Außerdem ist der Kontrast
zum Himmelshintergrund so tief heute nicht optimal. Bei 88x zeigt sich ein rundes, diffuses Nebelchen,
das in ein rechtwinkliges Sternendreieck einbeschrieben ist.
Nun kam ein Schwenk ins Sternbild Scutum. Soweit man die beiden Sterne als Sternbild bezeichnen kann :-)
M11 zeigt schon bei 44x Glitzerpracht ohne Ende und mittendrin einen 8m hellen gelben Stern. Bei 163x
tritt dann eine Art Gehirnwäscheeffekt auf: ungezählte Sterne ballen sich zu wolkenartigen Verdichtungen,
dazwischen immer wieder dunkler Weltraum zu sehen. Das ist wunderschön.
Genau so erhebend war für mich der offene Sternhaufen NGC6633, der schlichtweg überwältigend:
Auf 1,5° Durchmesser verteilen sich gut 100 recht helle, blaue Sterne, dazwischen fällt der Blick
in die schwarzen Tiefen des Alls. Das ganze erweckt irgendwie den Eindruck von Unendlichkeit, Tiefe
und Ewigkeit.
Ein weiteres sehr interessantes Objekt ist der planetarische Nebel NGC 6572. Er ist vom Durchmesser derart
klein, daß er im Übersichtsokular gut getarnt als Stern übersehen werden könnte. Jedoch fällt im 26er
Superplössl und einem Bildfelddurchmesser von 1,2° Das Objekt sofort aufgrund seiner eigentümlich
plakativen türkisgrünen Farbe auf! NGC6572 fällt als einziges grünes Objekt wirklich sofort auf!
So klein wie der ist, hab ich gleich mal 228x vergrößert. Hier ist er schön scheibchenförmig rund.
Er ist immer noch auffallend türkisgrün und zeigt einen starken Blinkeffekt: er verschwindet nicht nur,
sondern wird scheinbar langsam kleiner, bis er weg ist und schlagartig wieder auftaucht. Der Effekt
übertrifft den des blinking planetary bei weitem! Naja, das Wegblinken strengt auf Dauer das Auge an.
Also hab ich weiter bis Anschlag Oberkante vergrößert: 456x - in Worten: Vierhundertsechsundfünfzig.
Auch hier reicht die Helligkeit von NGC6572 für einen deutlich türkisen Farbeindruck. Das runde, an den
Rändern leicht verwaschen und ausgefranzt wirkende Scheibchen ist nun so groß, daß es nicht mehr wegblinkt,
sondern bequem studiert werden kann. Die benachbarten Sterne sind auch bei dieser Vergrößerung ganz kleine,
scharfe Punkte. Aber außer dem türkisen, runden Scheibchen sind keine weiteren Einzelheiten zu sehen,
nur an einer Stelle scheint er mir blickweise eine kleine Ausbuchtung wie einen Pickel zu haben.
Nun kam noch der offene Sternhaufen M26 an die Reihe: Eine Ansammlung von rund 50 recht schwachen und
10 helleren Sternchen, wobei die 10 helleren einen Pfeil mit gebogenem Schwanz markieren. M26 wird dann
erst bei 180x interessant, wo man auch feinere Details betrachten kann.
Den Abschluß bildete dann der Kugelsternhaufen NGC 6712. Ein schwacher Vertreter seiner Art, er ist bei 180x
grade noch als runde Nebulosität neben einem Stern zu erkennen. Am besten erscheint er bei 88x, hier
wird er aufgrund des guten Kontrasts zum Himmelshintergrund sogar leicht körnig wahrgenommen.

Das war nun die zweite Nacht in Folge, wo Spechteln bis zum Abwinken angesagt war - also alles verräumt,
und dann ein paar Nächte Fernrohrpause - sonst schlaf ich in der Arbeit noch ein.


Viele Grüße und noch viel mehr schöne und sternklare Nächte Euch allen,

Markus