Hallo Sternenfreunde,
Eigentlich hat er mich ja erwischt - der Grippevirus! Zur Freude meiner
Mitmenschen hat er mich sogar meiner Stimme beraubt, seit ein paar
Tagen schon bring ich keinen Pieps raus. Am Freitag hat mich auch noch
Fieber ans Bett gefesselt. Und nun, so einen Abend vor Weihnachten,
tags zuvor hat es die ganze Landschaft mit Schnee leicht bepudert,
wollte sich der Himmel doch tatsächlich von seiner besten Seite zeigen.
Den ganzen Tag herrschten frostige Temperaturen unter dem Nullpunkt,
schön auch zu sehen an einem Bild, das ich gegen Abend schnell
aufgenommen habe, auf dem man schön den maximalen Sonnenstand
erkennen kann - Astronomie sichtbar gemacht:
Ich hatte mich also am Dienstag mit viel Kopfweh in die Arbeit geschleppt,
um dort den Serienstand meiner Schaltung in Betrieb zu nehmen, legte
mich dann zu Haus erstmal eineinhalb Stündchen ins Bett und hatte damit
einen legitimen Grund, nicht mit Bärbel in die Kirche zum Üben zu müssen,
da ich am 2. Feiertag mit meinem Hals eh nicht Flöte spielen würde können.
Trompete und Orgel - das mußte reichen. Außerdem kann man die Stunde,
in der Bärbel beim Orgel-Proben ist, wunderbar für einige wichtige und
wirklich esentielle - weil lebensnotwendige - Dinge nutzen:
1. 10" Starfinder raustragen
2. Teleskop bei -7°C im verschneiten Garten aufbauen
3. Zweiachsensteuerung alignen
4. Den roten Astrostern "Aldebaran" im Kirschbaum aufhängen
Lebensnotwendig deswegen, denn zwei Viruserkrankungen packt so ein
menschlicher Organismus einfach nicht. Und wenn schon gegen den Grippevirus
kein Kraut gewachsen ist, gibts wenigstens gegen den Astrovirus
ein Teleskop!
Es sollte eine wirklich hervorragende Nacht werden: der Himmel war wunderbar
transparent, die Grenzgröße bei mir im Garten mindestens 5m3, zwei 5m31 bzw.
5m33 Sterne in Gemini konnten bei direktem Sehen gut gehalten werden. Und
auch das Planetenseeing war durchaus als gut zu bezeichnen - dazu aber später.
Jetzt erstmal die Zusammenfassung der technischen Daten des Abends:
Teleskop:
Meade Starfinder 10" Newton auf äquatorialer Montierung mit 2-Achsensteuerung und digitalen Teilkreisen
Hauptspiegelbrennweite 1140mm, Öffnungsverhältnis von 1:4,5
Strehl-Wert: >88%
Okulare: (Vergrößerungsangaben am 10"-Newton)
32mm-Plössl von Celestron (36-fache Vergrößerung)
26mm-Super-Plössl von MEADE, Serie 4000 (44-fache Vergrößerung)
~14,5mm WA Erfle von INTES
12,5mm orthoskopisches Okular von Vixen (91-fache Vergrößerung)
10mm Speers Waler von Antares (114-fache Vergrößerung)
7,5mm Speers Waler von Antares (152-fache Vergrößerung)
7mm orthoskopisches Okular von Celestron (163-fache Vergrößerung)
6,3mm-Kellner von Bresser (180-fache Vergrößerung)
5mm Eudiascopic von Baader (228-fache Vergrößerung)
Sonstiges:
2x-Barlowlinse, Celestron ultima, 3-linsiger Achromat mit Luftspalt
Baader Skyglow Filter
Astronomik UHC-Filter
Binokular:Bresser Saturn Zoom, 9-27 x 56
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Zeitpunkt:
Dienstag, 23. Dezember 2003, 20:00-00:15
Visuelle Grenzgröße:
ca. 5mag3
Durchsicht:
sehr gut
Seeing:
gut
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Doppelsterne:
-
Galaxien:
-
Kugelsternhaufen:
-
Offene Sternhaufen:
M36, M37, M38, NGC1907, NGC1857, NGC1893, NGC1778
Gasnebel:
NGC1931, IC410, M42, M43
Planetarische Nebel:
-
Sonstiges:
Saturn
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Am Wochenende hatte ich für uns schon eine kleine Liste mit interessanten
Objekten im Sternbild Auriga zusammen geschrieben - mit einigen Lecker-
bissen - und da waren wir beide schon gespannt. Als erstes haben wir aber
erstmal eine große Kanne heissen Assam-Tee gekocht, damit man drinnen
wieder was zum Aufwärmen hat, die Nacht hielt sich doch bei konstanten -9°C.
Lord Rosse, der äquatorial montierte Zehnzollnewton, war nun schon ungeduldig,
scharrte mit seinen drei Beinen im Schnee, er möge jetzt endlich was sehen,
ihm werde langsam kalt, so im Schnee stehen zu müssen.
So stand er also:
Rechts im Bild ist im Übrigen unser Astrostern Aldebaran zu sehen, die ultimative,
teelichtgespeiste Astrolampe. Beiseinem roten Schein wirkts im Garten gleich nimmer
ganz so kalt...
Begonnen haben wir dann unsere Tour ganz klassisch mit den drei großen in Auriga:
M38 durfte den Anfang machen, ein immer wieder prachtvoller Sternhaufen mit etwa
1/3° Durchmesser. Einige Dutzend Sterne stehen teils paarweise, teils zu Ketten
aufgereiht. Eine besonders auffallende Sternenkette verläßt M38 vom Zentrum weg
radial nach Norden. Genau gegenüber, im Süden, fällt bei 44x etwa ein dreiviertel Grad von
M38 entfernt, ein kleiner, dicht konzentrierter Nebelfleck auf. Es handelt sich um
NGC1907, einen kleinen offenen Sternhaufen, der im Zehnzöller nicht zu übersehen
ist. Bei 78x wirkt M38 am eindrucksvollsten, wobei er bei 114x im 10er Speeers Waler
schon an h oder Chi im Perseus erinnert - meint Bärbel unabhängig von der gleich
lautenden Notiz, die ich kurz zuvor in mein Beobachtungsbuch geschrieben habe.
NGC1907 zerfällt im 10er SW WA in etwa 10 Einzelsterne. Und jetzt kommts: ich
hab sie dann doch rumgekriegt, oder vielleicht war sie auch selbst zu neugierig, wer weiß?
Tataaa! Weihnachten! (Zumnindest morgen): Bärbel brachte das neue 7,5mm Speers
Waler raus, den noch größeren "kleinen" Bruder des 10er SW WA und wie dieses
ebenfalls mit gigantischen 82° Eigengesichtsfeld ausgestattet. Lord Rosse verträgt
sich mit dieser Spezies Okular trotz seinem schnellen Öffnungsverhältnis von 1:4,5
in ganz ganz besonderer Weise: Die Sterne sind "infinitesimal" scharfe Punkte bis
hin zum letzten Sternchen, das noch grade so an der Feldblende vorbeilugt! Da wird
kein Stern auch nur minimalst unscharf! Trotzdem, daß die SW WA 7-linsige Glasklötze
sind ist deren Transmission derart brillant, daß man meint, man hat 2" mehr Öffnung, wenn
man die in den Okularauszug steckt. Man stelle sich nun NGC1907 bei 152x in
diesem genialen Okular vor: da schwebt ein geselliges Häufchen von 11 Sternen
eingebettet in dunkelschwarzen Himmel und einige Nachbarsterne., so beispielsweise
ein gerade Dreierformation von Sternen. Man erkennt hier sehr deutlich die Helligkeits-
unterschiede der einzelnen Mitglieder von NGC1907: 4 Sterne sind deutlich - etwa 1mag -
heller als die 7 anderen Sterne. Ein gigantsicher Einblick in unsere Milchstraße!
Ich belasse das Okular drin und fahre kurz nochmal M38 an: bei dieser Vergrößerung
degeneriert er bereits zu einem überreichen Sternfeld!
Nun ließen wir Lord Rosse und Aldebaran für ein paar Notizen, ein Tässchen Tee
und etwas Night Sky Observer's Guide - Nachblättern alleine:
Nun kam M36 an die Reihe. Und auch der zeigt sich bei 44x als funkelnde, unbeschreiblich
schöne Sternenpracht, da verblasst jede noch so quietschbunte Weihnachtslichterkette...
Etwa 1° abseits zeigt sich NGC1931 als kleiner Nebelknoten - nicht wirklich deutlich, aber
auch nicht zu übersehen. M36 ist ganz toll bei 78x im Erfle und im 114er SW WA schier
übnerwältigend. Bärbel fällt da besonders ein enger Doppelstern genau im Zentrum von
M38 ins Auge. NGC1931 ist recht klein, wird also gleichmal bei 152x im neuen 7,5er SW WA
unter die Lupe genommen - hier erkennt man sehr schön drei Sterne in dem kleinen
Nebelfetzen. Auf den UHC reagiert NGC1931 nicht besonders, in jedwedem Okular wird
er mit UHC drastisch in der Helligkeit vermindert, da gibts wohl neben Gaswolken wohl
auch Reflexionsnebel, also Kontinuumsanteile.
Nun wollten wir aber Neuland entdecken, und so beschlossen wir, M37 für den Schluß
aufzuheben. NGC1857 war unsere erste Neuentdeckung. Dieser Sternhaufen liegt in
einer äußerst sternreichen Gegend und ist daher nicht ganz leicht zu finden. Aber eine
der Sternansammlungen ist von Dunkelgebieten umgeben, so daß die Struktur vom Umfeld
isoliert dasteht, und genau das ist NGC1857. Bei 78x fällt zentral ein heller, orangefarbener
Stern auf, bei 114x wird der Haufen schon recht locker. Bei 152x kann man aber sehr
bequem die Einzelsterne von NGC1857 bewundern. Grade bei hohen Vergrößerungen
ist ein Gesichtsfeld von 82° ein unschätzbarer Vorteil! Als nächstes kommt ein absolutes
Highlight und der geheimtip des Abends, den ich unbedingt jedem empfehlen möchte:
NGC1893 ist relativ leicht ortbar und habt sich auch gut vom Himmelshintergrund ab, er
liegt in einer rechtwinkligen Konstellation von 3 recht hellen Sternen. Bei 44x präsentiert
sich einem ein interessant strukturierter Sternhaufen mit Mitgliedern quer durch alle
helligkeitsklassen. Schraubt man aber noch den UHC ins Okular, kommts richtig dick!
Der gesamte Sternhaufen ist von Gaswolken durchzogen. Bärbel erkennt eine w-förmige
Nebelstruktur, die den gesamten Sternhaufen durchzieht. Die eine Vertiefung des "w" ist
sehr deutlich eingeschnitten und erinnert mich von der Form an den Lagunennebel in
der südlichen Sommermilchstraße! Geht man vergrößerungsmäßig etwas höher - 78x mit
UHC - so kann man sehr gut die Nebelstrukturen an den Kanten der Hell-Dunkelgrenzen
herausarbeiten. Der Gasnebelkomplex ist im Übrigen IC410. Wir kennen sie also doch noch
nicht alle, die Schätze, die uns der Fuhrmann zeigen kann und gerade mit diesem Nebel
haben wir das vielleicht schönste kosmische Phänomen der Auriga aufgetan. Ein kleines
Weihnachtsgeschenk der Milchstraße, sozusagen.
NGC1778 ist ein etwa 4:1 elongierter Sternhaufen, der sich ebenfalls sehr gut von seiner
Umgebung abhebt. Ein Stern an der Nordkante des haufens ist ein Ost-west-ausgerichteter
Doppelstern. Bei 78x und 114x zähle ich 23 Sterne, bei 152x sogar 25, da tauchen noch zwei
ganz schwache Sternchen auf.
jetzt gabs aber eine deep-sky-Pause. Schließlich hatte auch Saturn einiges zu bieten, heute,
einen Tag vor Weihnachten.
Saturn, der Ringplanet, ist heute wirklich Kitsch pur, das übertrifft die noch so tollsten
Sanat-Claus- und Elchilluminationen in diversen Gärten! Die Planetenkugel wirkt bei 228x
im 5er Baader Eudiascopic schon unnatürlich rund, die Farbschattierungen reichen von
Vanillegelb über leichtes oliv bios hin zu rötlichbraun changiert gepinselten Bändern. Die
Cassiniteilung ist selbst umlaufend keinerlei problem, der Ringschatten auf dem Planeten,
alles, was man sich so wünscht, ist da! Bei 456x ist der Ring ausserhalb der Cassiniteilung
streifig, radial helligkeitsmoduliert, ein Eindruck, der sich bei - festhalten - 684x (!!!) in
klaren, scharfen Momenten bestätigt. Dieser 10"-Spiegel fasziniert mich am Planeten
immer wieder durch sein nahezu unerschöpfliches Potenzial. Da bin ich schon auf meine ersten
Saturnbilder mit der ToUCam PRO gespannt, die mir Lord Rosse liefern wird.
Nun ging es, sozusagen als Abschluß des Abends, zu M37, der bei allen Vergrößerungen
eine Wucht ist. Genau in seiner Mitte blitzt ein warmtöniger, orangener Stern etwas heller
als alle anderen, kalt weissen Sterne, ein warmes herz mitten im eisig-kalten Sternen-
schneegestöber. Ganz zu allerletzt gabs dann noch die absolute und ultimative Dröhnung:
M42 und M43: Ich beginne meine Beschreibung gleich bei 114x im SW WA. Hier findet
der komplette Nebelkomplex noch gut im Okulargesichtsfeld Platz und brilliert mit und ohne UHC
mit überquellender Strukturfülle in den gaswolken. Doch bei 152 im neuen 7,5er SW WA
tauchen noch mehr und noch feinere Strukturen auf - der nebel ist ohne UHC mehr als eindeutig
grün! trotz 152-facher Vergrößerung hat M42 noch komplett im Okular Platz, atemberaubend
ist kein Ausdruck für diesen Eindruck! Diese subtilen Wolkenstrukturen vermag kein noch so
perfektes Foto auch nur annähernd wiederzugeben, schon alleine aus Gründen der eingeschränkten
Belichtungsdynamik.
Der Christbaum vorm Wohnzimmerfenster...
Jetzt war es Viertel Eins, -10°C und Zeit fürs warme Bett. Das Fazit dieser wunderbaren Sternennacht:
Obwohl durch Grippe angeschlagen, war es einfach nur wunderbar, es ging mir danach auch nicht
schlechter, eher besser. Das neue 7,5er SW WA ist genauso wie das 10er SW WA ein absolut
phantastisches Okular. Unser heiß geliebter und manchmal eiskalt genossener Sternenhimmel
bringt uns immer wieder ein noch unbekanntes Geschenk dar.
Mit diesen schönen Gedanken im Hinterkopf kann man in aller Ruhe dem heiligen Abend entgegen
schlafen...
Viele Grüße und clear skies,
Markus & Bärbel
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