Hallo Sternenfreunde,

die letzte Nacht, bevor der Mond zu stark stören sollte, begann sehr, sehr vielversprechend, die Sonne ging als klar umrissener Ball am Westhorizont unter, ohne daß sie von einer Dunst- und Streulichtaura umkränzt gewesen wäre. Meinen neuen Hilux-Fangspiegel hatte ich samt der neuen - sehr stabilen und feinfühlig justierbaren Fangspiegelspinne - bereits tags zuvor in den Zehnzollnewton eingebaut, so daß heute einer wundervollen Galaxiennacht nichts mehr im Wege stand. Da sich der Einbau der neuen Spinne doch etwas länger wie gedacht hingezogen hatte ( es mußten neue Befestigungslöcher gebohrt werden, da die alten zu nah Richtung Okularauszug waren, um den Spiegel mit der neuen, sehr massiven Halterung zentrieren zu können), mußte die für Mittwoch eingeplante deep-sky- Beobachtung  einen Tag verschoben werden, was aufgrund der stabilen Wetterlage gottseidank auch wirklich hinhaute.
Hier aber erstmal in tabellarischer Form eine Zusammenfassung der wundervollen Frühsommer-Galaxienjagd, die uns einige hundert Millionen Lichtjahre weit in die Tiefen des Universums führen sollte. Dazu aber später...

Teleskop:
Meade Starfinder 10" Newton auf äquatorialer Montierung mit
2-Achsensteuerung und digitalen Teilkreisen
Hauptspiegelbrennweite 1140mm, Öffnungsverhältnis von 1:4,5
Strehl-Wert: >88%
ORION Hilux Fangspiegel mit 96% Reflektivität
Okulare: (Vergrößerungsangaben am 10"-Newton)
38mm TS WA 2" (30-fache Vergrößerung)
32mm TS WA 2" (36-fache Vergrößerung)
26mm-Super-Plössl von MEADE, Serie 4000 (44-fache Vergrößerung)
18mm Speers Waler von Antares (63-fache Vergrößerung)
~14,5mm WA Erfle von INTES (78-fache Vergrößerung)
12,5mm orthoskopisches Okular von Vixen (91-fache Vergrößerung)
10mm Speers Waler von Antares (114-fache Vergrößerung)
7,5mm Speers Waler von Antares (152-fache Vergrößerung)
7mm orthoskopisches Okular von Celestron (163-fache Vergrößerung)
6,3mm-Kellner von Bresser (180-fache Vergrößerung)
5mm Eudiascopic von Baader (228-fache Vergrößerung)
Sonstiges:
2x-Barlowlinse, Celestron ultima, 3-linsiger Achromat mit Luftspalt
5x-Barlowlinse, Televue Powermate
Baader Skyglow Filter (1,25")
Astronomik UHC-Filter (1,25")
TS OIII-Filter (1,25")
TS UHC Filter (2")
Binokular:Bresser Saturn Zoom, 9-27 x 56
Zeitpunkt:         
8.5.2008 22:30-01:45
Visuelle Grenzgröße:
ca. 5,2mag
Durchsicht:
gut
Seeing:
gut
Doppelsterne:
-
Galaxien:
M104, NGC4038, NGC4039, M49, NGC4526, NGC4568, NGC4567, M58, NGC4564, NGC4565, NGC5248
Kugelsternhaufen:
NGC5466
Offene Sternhaufen:
-
Gasnebel:
-
Planetarische Nebel:
M57
Sonstiges:
-

Begonnen haben wir unsere Nacht der Exoten mit der Sombrerogalaxie M104 im Sternbild Virgo, und, obschon es um 22:20 Uhr noch nicht gänzlich dunkel war, so konnte doch im 18er Speers Waler bei 63-facher Vergrößerung diese Galaxie deutlich als feiner Nebel mit einer zentralen Bulge wunderbar gesehen werden. Es wird nun zusehends dunkler, und so ist bei 78-facher Vergrößerung schon deutlich erkennbar, daß die Galaxie auf einer Seite sehr scharf begrenzt, fast wie abgeschnitten wirkt.Bei 152x sieht man dann so richtig, wie groß die Galaxie eigentlich ist, wie weit sich bei indirektem Sehen die Ausläufer in den Raum strecken.
Die Sombrerogalaxie war von uns natürlich nicht zufällig für den Einstieg gewählt worden, denn nicht weit abseits, im Sternbild Corvus, befindet sich ein interagierendes Galaxienpaar, NGC4038 / NGC4039, (10m5, SB 13m7 / 10m3, SB 13m0) welches als ringtail galaxy, also der Ringelschwänzchen-Galaxie bekannt ist. Leider ist der Himmelshintergrund auf -19° Deklination doch nicht so dunkel, wie er hätte sein können, da wahrscheinlich Pollenflug und Staub für Streulicht sorgten, so daß wir nicht wirkliche Details an dem Galaxienpärchen ausmachen konnten. Im 18er SW zeigt sich ein ganz feiner Wattebausch nordöstlich eines Sterns. Bei 78x ist die Galaxie als annähernd runder, schwach geisterhafter Nebelfleck etwas deutlicher zu sehen. Das Skyglowfilter bringt, wenn, dann lediglich bei indirektem Sehen eine marginale Verbesserung der Sichtbarkeit. Im Night Sky Observer's Guide konnten wir aber anhand eines Fotos, welches auch die umgebenden Sternenmuster zeigt, die Sichtung eindeutig verifizieren. Immerhin 73 Millionen Lichtjahre trennen uns von diesem Galaxienpaar. Als nächstes habe ich auf Bärbels Wunsch die Galaxie M49 angesteuert, welche schon bei 44x sehr hell, rund und mit nach aussen hin abnehmender Helligkeit deutlich zu sehen war. Ich geh und hol von der Terasse ein Okular für etwas hohe Vergrößerung, und bis ich wieder komme, fährt Bärbel mit der Handsteuerbox zielstrebig auf die Galaxie NGC4526 (9m7, SB 12m8) . Die Idee kam ihr beim Lesen des deep sky Reiseführers heut Nachmittag und mit dem dort nachgeschlagenen Fot bewaffnet, manövrierte sie durchs All. Und man muß sagen, Recht hat sie, zeigt die NGC-Galaxie doch viel mehr an Details als ihre Messier-Nachbarin! Sie liegt fast wie ein UFO schräg zwischen zwei Sternen. Bei 4526 zeigt sich bei 78x mittig am Südrand der Galaxie ein Einzelsternchen. Bei M49 steht direkt dicht südlich des Halo ein Sternchen, leider zeigt M49 nur den hellen stellaren Kern und einen runden Halo ohne irgendwelche Details. Mittlerweile hatte sich Bärbel schon in Richtung Bett begeben (jaja, die Ausdauer der Frauen...) doch das nächste Objekt, die sogenannten siamese twins, ein weiteres interagierendes Galaxienpaar war dermaßen bombastisch schön zu sehen, daß Bärbel nochmals in Schlafanzug und Morgenmantel in den Garten zu mir rauskam. NGC4567 / NGC4569 (11m3, SB 13m1 / 10m8, SB 13m2) standen da nicht alleine im Okular. Nein, vielmehr waren im 18mm Speers noch die spindelförmige, 1:3 elongierte Galaxie NGC4564 (11m1, SB 12m6) zusehen, und am Bildrand leuchtete noch die im Vergleich recht helle M58 mit ihrem stellaren Kern und einem runden Halo. Die siamese twins bilden eine nach Osten geschlossene, herzförmige Struktur, wobei jeder der Herzlappen eine Galaxie repräsentiert Erstaunlich, wie deutlich die beiden Galaxien zu sehen waren. Die beiden nicht zu skizzieren, wäre eigentlich eine Sünde gewesen, und so hab ich mit Rotstiftlampe, Bleistiften und Zeichenheft eine Skizze angefertigt, die ich dann am PC in der Nachbearbeitung etwas geglättet und vor allem von den Farben her invertiert habe. Hier das Resultat, die siamese twins ganz oben, in der unteren Bildfeldmitte die Spindel NGC4564 und rechts unten M58.

NGC4567-68 (oben), NGC4564 (mitte) und M58 (unten), 254/1140mm-Newton bei  63x

Immerhin 100 Mio. Lichtjahre trennen uns von den siamese twins, demhingegen ist NGC4564 mit 51 Mio Lichtjahren direkt nahe bei unserer Milchstrasse.
Als nächstes ging der Schwenk zu NGC4565, einer edge-on-Galaxie in Coma Berenices, eigentlich der edge-on-Galaxie schlechthin. Bereits im 18er SW sieht man, daß ein Staubband die zentrale bulge durchschneidet, und zwa eher an der Seite des kleinen Sternchens neben der Galaxie,; die Galaxie wird also asymmetrisch der Länge nach geteilt. Bei 114x im 10er SW ist die Beobachtung zwar anstrengender, doch zeigen sich weitere Details, so beispielsweise ein Helligkeitsknoten im südlichen (oberen) Arm der in etwa N-S-gestreckten Galaxie. Auch hier habe ich eine Zeichnung angefertigt, die zeigt, wie groß die Galaxie bei 114-facher Vergrößerung bereits erscheint. Man beachte auch den Helligkeitsknoten am äußeren Drittel des oberen Galaxienausläufers. Dieser obere Arm scheint visuell auch etwas länger zu sein.

NGC 4565, 254/1140mm-Newton bei 114x

Für das nächste, etwas waghalsigere Projekt mußte ich den Night Sky Observer's Guide befragen, und bei dieser Gelegenheit setzte ich mir erstmal einen Espresso auf den Herd. Ein kleiner, starker, heisser und aromatischer Wachmacher zur mitternächtlichen Beobachtungsstunde ist nicht zu verachten. Gut, daß die Nacht mit +16° immer noch recht mild war und so ging es frisch gestärkt an das waghalsigste Projekt dieses Abends, dem Coma Galaxy Cluster, Abell1656. Zumindest die beiden hellsten Galaxien wollte ich versuchen, NGC4874 (11m7, SB 13m4) sowie NGC4889 (11m5, 13m3). 400 Millionen Lichtjahre entfernt befindet sich dieser Galaxienhaufen, und tatsächlich, im 18er Speers Waler bei 63x sind beide Galaxien als eindeutige, relativ große, 2:3 elongierte, gleichmäßig dunkelgraue Lichtschimmer zu erkennen! Sogar im 10er Speers bei 114x konnten die beiden Galaxien noch deutlich gehalten werden. Was mich aber echt faszinierte, wie groß die beiden doch so weit entfernten Galaxien sind! Ich habe mich mal an einer Zeichnung versucht, um die Größenverhältnisse wiederzugeben:

NGC 4874 (links) und NGC 4894, 254/1140mm-Newton bei 63x

Ca. 20 Bogenminuten (1/3°) sind die beiden hellsten Sterne der Zeichnung voneinander entfernt, somit würde ich jede der Galaxien auf etwa 4 Bogenminuten Größe schätzen. Bei einer Entfernung von ca. 330 Millionen Lichtjahren (errechnet aus der Rotverschiebung) ergibt das einen Galaxiendurchmesser von rund 400000 Lichtjahren, also deutlich mehr als das Doppelte unserer Milchstraße! Stünde sie in einer Entfernung wie die Sombrerogalaxie M104, nämlich nur 45 Mio. Lichtjahre, so wäre die Galaxie immerhin 30 Bogenminuten groß! Und Im Abstand des Andromedanebels? Da würde diese Galaxie 18° groß erscheinen, also gut 35 Vollmonddurchmesser! Welch ein gigantisches Teil also muß diese Galaxie sein!
Angespornt durch dieses Beobachtungsergebnis, und fasziniert von dem Gedanken an die unendlichen Weiten des Alls wende ich mich abschließend dem Sternbild Bootes zu. Eine Galaxie steht hier unte anderem auf dem Programm, NGC5248 (10m3, SB 13m8). Bei 44x erscheint die Galaxie als mittelhelles, etwa 2:3 elongiertes Oval mit einem hellen und schmal-langgestreckten Zentrum. Bei 78x wirkt der helle Kernbereich recht irregulär, wie drei ein Dreieck bildende Helligkeitsknoten. Zurück im 26er Okular bei 44x zeigt sich wieder eher der längliche, strichförmige Kern.
Mittlerweile ist es 1 Uhr und die Straßenlampen werden ausgeschaltet. Wie immer ein besonders schöner Moment, wenn einem das Firmament mit einem Male ein gutes Stück näher zu kommen scheint! Plastisch wie im Planetarium spannt sich das Himmelsgewölbe regelrecht dreidimensional über mir auf. Ich geniesse ein wenig die Stille im Garten, den Himmel mit der im Nordosten schon aufsteigenden, vom Sommer kündenden Milchstraße und bleibe mit meinem nächsten und für diese Nacht letzten Objekt, das wieder besonders interessant werden sollte, innerhalb unserer eigenen Milchstraße: die Rede ist von einem Kugelsternhaufen im Bootes, nämlich NGC4566. Es handelt sich dabei um einen relativ großflächigen, aber blassen Kugelsternhaufen, er zeigt zur Mitte hin keinen auffälligen Anstieg der Sternendichte und wirkt somit bereits bei 44-facher Vergrößerung über seine gesamte Fläche hinweg körnig. Im 18er Speers blitzen bereits erste Einzelsterne auf, erwirkt wie ein sehr sternreicher offener Sternhaufen mit wenig leuchtkräftigen und gleich hellen Sternen. Bei 114x werden die hellsten Einzelsternsprenkel noch viel deutlicher sichtbar, die Sternverteilung in NGC5466 wirkt insgesamt inhomogen, klumpig. Bei 152x wirkt der Sternhaufen schon sehr aufgelockert, ich meine, im südlichen Bereich des Haufens eine kreuzförmige Dunkelstruktur auszumachen, wobei sich die Dunkelbänder wie ein Andreaskreuz in eher spitzem Winkel treffen.
Nun ist es - ich hab eine gute halbe Stunde bei diesem hoch interessanten Kugelsternhaufen zugebracht, dreiviertel zwei und Zeit, abzubauen. Wenn ich diese Nacht revue passieren lasse, so denke ich, war das eine der faszinierendsten, spannendsten und auch interessantesten Sternennächte, die ich je erleben durfte.

Viele Grüße und noch viel mehr so schöne und sternklare Nächte Euch allen,

Markus