Frühlingsnächte - Teil I: Mit dem 152mm-Refraktor

Hallo Sternfreunde,

Nach wochenlanger wetterbedingter Beobachtungsabstinenz war ich schon am  Sonntag mit dem Refraktor im Garten draußen, doch: all die Dinge, die ich beobachten wollte, hatten sich, als es gegen 22:15 endlich dunkel genug gewesen wäre, die Beobachtung zu beginnen, schon deutlich hinter dem Kirschbaum versteckt und so stand ich also ohne Beobachtungsprogramm da und graste recht lustlos einige Standardobjekte ab. Das mußte beim nächsten mal besser klappen. Am Montag nach der Arbeit hab ich mich dann auf der sonnigen terasse erst einmal anhand diverser Bücher wieder auf den aktuellen Sternhimmel synchronisiert und mir einige Dinge für den heutigen Abend zurecht gelegt.

Teleskop:
TS 15212, Seriennummer 040202 001, aromatischer Refraktor nach Fraunhofer, D=152mm, f=1200mm; selektierte Optik mit 93% Strehl über 152mm Öffnung;
TS-Buchenholzstativ mit Doppelklemmung, >80kg Tragkraft,
Montierung EQ-6
Okulare:
32mm Clestron Plössl (38-fache Vergrößerung bei 52°)
26mm-Plössl von MEADE, Serie 4000 (46-fache Vergrößerung bei 52°)    
14,5mm-Erfle Okular (83-fache Vergrößerung bei 67°)
12,5mm-Vixen Ortho (96-fache Vergrößerung bei 42°)
10mm Speers-Waler SW (120-fache Vergrößerung,bei 82°)
7,5mm Speers-Waler SW (160-fache Vergrößerung,bei 82°)
7mm Ortho von Celestron (171-fache Vergrößerung bei 42°)
6,3mm-Kellner von Bresser (190-fache Vergrößerung bei 45°)
5mm Eudiascopic von Baader (240-fache Vergrößerung bei 50°)
Sonstiges:
William Optics 2" DeLuxe Zenithspiegel mit 99% Reflexionsgrad
2x-Barlowlinse, Celestron ultima, 3-linsiger Achromat mit Luftspalt
Baader Skyglow Filter
Astronomik UHC-Filter
Zeitpunkt:         
17.05.2004 22:00-00:045
Visuelle Grenzgröße:
ca. 5,1 mag
Durchsicht:
gut
Seeing:
befriedigend
Doppelsterne:
Epsilon Bootis, Epsilon Lyrae
Galaxien:
NGC4531, NGC4656, M64, M104, NGC6207
Kugelsternhaufen:
M13, M92
Offene Sternhaufen:
-
Planetarische Nebel:
-
Gasnebel:

Sonstiges:
Jupiter, Komet NEAT

Zum Warmsehen gabs erstmal Jupiter, so ab 21:45, bis es dunkler wird und Jupiter dann eh hinter dem Kirschbaum verschwindet. Leider war nichts besonderes zu vermelden, weder irgendwelche Mond- oder Schattenschauspiele, noch der große rote Fleck waren geboten. Außerdem ist irgendwie auch die Planetensaison zu Ende und so ging ich Richtung Terasse, um im Wohnzimmer im Karkoschka mein erstes Objekt aufzuschlagen. Wie schön stehen Castor und Pollux über dem Nachbarhaus! Und der Löwe. Dazwischen sollte eigentlich Präsepe stehn. Präsepe? Schlagartig erinnerte ich mich an den Beobachtungsbericht, den ich erst am Samstag im Forum gelesen hatte: oberhalb Präsepe steht der Komet NEAT, und der soll auch fast schon mit bloßem Auge gehn - bei vernünftigem Himmel.  Also holte ich schnell Saturn, mein 8-27x56er Bresser Zoomfernglas asu dem Schrank und begann, die Gegend zwischen Zwillingen und Löwe im Zickzack abzuscannen. Und siehe da: nach kaum einigen Minuten hatte ich den Kerl schön deutlich vor der Linse. Das wär was für Segafredo II, aber jetzt den Kirschbaum umschneiden? Nein, morgen werd ich Zanetti, den 102/500er FH auf der LIDL-Montierung artgerecht als Kometensucher benutzen und den mal schnell auf die Terasse stellen. Dies war eine hervorragende Idee, im 4"-Kurzrefraktor ist er schon bei 19x als heller, parabelförmig deformierter Ball zu sehn. Höhere Vergrößerungen zeigen einen kleinen stellaren, sehr hellen, punktförmigen Kern. Indirekt ist deutlich der Schweif zu erkennen. Um den Kometenkern selbst breit gefächert, etwa fast schon 90°, zieht sich ein heller Streif fast genau in östlicher Richtung vom Kern weg, etwa 2° lang. Auf der einen Seite dieses Streifs ist nichts zu sehen, auf der anderen fächert sich der Schweif etwa noch im 30°-Winkel auf. Das Kerlchen ist im Übrigen heller als M13; 5mag würd ich dem schon zubilligen. Und in 2 Tagen hat sich der bestimmt rund 1° bewegt. Endlich mal wieder ein Komet, der richtig was bringt.
Jetzt gehts aber weiter mit dem, was ich mit dem großen Refraktor alles erforscht habe in dieser recht milden Frühlingsnacht. Begonnen habe ich gleich mit einem Doppelstern, Epsilon Bootis. (2m5;4m9;2,9") Er ist bei 171x deutlich in zwei getrennte Sternpünktchen getrennt, der eine bestimmt 2mag schwächer, er steht in etwa nördlich vom Hauptstern. Die goldene Farbe des Hauptsterns und den leichten Grünstich des Begleiters hätte ich eigentlich dem Farbfehler zugeschrieben, doch mein Night Sky Observer's Guide schreibt hier von einem goldgelben Hauptstern und einem "greenish companion". Den Chromacorr hatte ich allerdings nicht in Benutzung.  
Epsilon Lyrae ist bereits im 12,5er Ortho bei 96x eindeutig zu trennen, dies ist eine der leichteren Übungen.
Nun gings aber endgültig zu richtigem deep sky! Bevor sie verschwindet (der Kirschbaum!), war die edge-on-Galaxie NGC4631 im südlichen Teil der Jagdhunde auf dem Programm. (b=9m2; sb=13m3).
Die schmale Spindel liegt ziemlich genau in Ost-West-Richtung im Okular, die Galaxie ist schon bei 46x auffallend groß, erstreckt sich über etwa 1/4 Grad! Nach links laäuft sie nadelfein spitz aus, nicht jedoch nach rechts, wo sie relativ dick und stumpf endet. Die feine Spitze der Galaxie zeigt nach Westen. Bei 83x sieht man genau auf der Nordkante der Galaxie ein Sternchen sitzen, die Helligkeitsverteilung der Galaxie ist leicht klumpig.
NGC4656 (b=10m5; sb=14m8) ist ein schwach erkennbarer Schimmer  im rechten Winkel zu einer Sternenkette, die die östliche Verlängerung von NGC4631 bildet. Mit 14m8 Flächenhelligkeit keine ganz einfache Galaxie.  
M64 (b=8m5, sb=12m4) ist im Vergleich dazu prügelhell, in etwa 2:3 Ost-West-elongiert. Sie behält auch bei 83x und 120x einen punktförmigen, sehr hellen stellaren Kern.
M104 (b=8m0, sb=11m6) läßt sich wunderbar bis 160x beobachten, zeigt hier immer noch einen hellen runden Kern, flankiert von zwei spitzen schnurgeraden Ausläufern. Und das trotz mieser Grenzhelligkeit hier in relativer Nähe zum Horizont.(Gewerbegebiete, BMW-Werk)
M13 ist ist bei 46x so knackig hell, daß ich gleich auf 160x hochvergrößere. Wie dreidimensional plastisch steht der leuchtend weisse Sternenball im 10er Speers Waler mit seinen mächtigen 82° Gesichtsfeld. der ganze Haufen ist zusätzlich gesprenkelt von besonders hellen Einzelsternen, die gebogene Krakenarme bilden. Auch sonst wimmelt es von einzelnen schwachen Lichtfünkchen. Es ist wahrlich faszinierend, was bereits ein guter Sechszöller bringt! Nördlich von M13, nicht weit, nur etwa 3/4 Grad, erkennt man westlich dreier Sternchen den Schimmer der Galaxie NGC6207. (b=11m6, sb=12m8) Bei 83x erkennt man sehr schön, daß sie bauchig ist, wie eine Mandel, etwa 1:3 elongiert. Die Längsachse von NGC6207 zeigt direkt auf M13. Es ist immer wieder schön, daß mit 6" auch Galaxien jenseits der 11m Helligkeit machbar sind.
Der Kugelsternhaufen M92 im nördlichen Hercules ist nicht weniger faszinierend und schön wie M13, sein Sternverteilung wirkt eher oval denn rund. Zwei Tage später hab ich das dann im äquatorial montierten Zehnzollnewton Lord Rosse zu verifizieren versucht, wo ich mir den Sternhaufen M92 bei 456-facher Vergrößerung genauer angeschaut habe. (7,5mm Speers Waler, 82° + 3x Antares Barlow) Dabei erkennt man einen fast schon rechteckigen Sternhaufen (nur das direkte Zentrum), dessen Nordseite einen sternarmen, v-förmigen Einschnitt zeigt - Details, die auf Fotos von Kugelsternhaufen mit ihrem überbelichteten Zentrum zumeist nicht zu sehen sind.

Das war also wieder mal ein besonders schöner Beobachtungsabend - mit zwar wenigen Objekten, aber um so mehr Details.

Viele Grüße und weiterhin viele Sternklare Nächte Euch allen,

Markus